גלובוס / Globus „Война и народная память“

 
 
גלובוס дайджест "Глобус" №1496
1–7 июля 2021 г., стр. 20–23

Region: ⁨The Middle East⁩
Israel⁩, Tel Aviv⁩
Brought to you from the collections of: ⁨National Library of Israel⁩
National Library system number    990012854210205171
Publisher: Тель-Авив : Э.С.Р.Итонут Русит
גלובס [כתב עת]
רחוב קפלן 1, קריית הממשלה, ירושלים, 9195015 
 
 

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The National Library of Israel © 2021 גלובוס / Globus
DeepLRussisch

Krieg und kollektives Gedächtnis

Zeitung Globus, Nr. 1496, 1.-7. Juli 2021, S. 20-23

Der Moskauer Verlag NLO hat das Buch „Menschen im Krieg“ des Historikers Oleg Budnizki veröffentlicht. Es gibt Tatsachen über den Krieg, die dem Volk bis heute verschwiegen werden. Und es gibt Tatsachen, die das Volk selbst vor sich zu verbergen begonnen hat. In den letzten Jahren verwandelt sich der Krieg immer schneller in einen Mythos. Was verdrängen wir? Wovor haben wir Angst? Darüber spricht der Historiker Oleg Budnizki.

Iwan Tolstoi: Oleg Witaljewitsch, man hat den Eindruck, dass der 9. Mai in diesem Jahr - und gerade in diesem; aus dem vergangenen Jahr erinnere ich mich an nichts Vergleichbares - nicht nur, vielleicht sogar weniger, ein Fest des Sieges war als vielmehr ein Tag gesellschaftlichen Zwists. Würden Sie dem zustimmen?

Oleg Budnizki: Solche Anzeichen gab es, das lässt sich schwer bestreiten. Die Rede des Präsidenten bei der Parade löste unterschiedliche Reaktionen aus. Manche durchaus systemtreuen Menschen erinnerten sich plötzlich daran, wie teuer die Parade ist und dass man dieses Geld besser für andere Zwecke verwenden könnte, besonders während einer Pandemie. Ja, dieses Element gab es. Ich würde nicht sagen, dass es ein breites Phänomen war; es spielte sich eher in den intellektuellen und gebildeten Kreisen beider, wenn man so will, Lager ab.

Iwan Tolstoi: Lassen wir den Staat und das System einmal beiseite und fragen nach dem, was Sie als intellektuelles, vielleicht auch bildungsbürgerliches Milieu bezeichnet haben. Warum gibt es dort Widersprüche? Haben wir nicht eine gewisse Übereinstimmung der Ansichten in Erinnerung? Vielleicht keine vollständige, aber doch eine gemeinsame Richtung, eine gemeinsame Haltung zu diesem Tag, so kompliziert sie auch gewesen sein mag. Dennoch bestand, so scheint mir, eine gewisse Einigkeit. In diesem Jahr dagegen herrschen Verwirrung und Zwietracht. Die Menschen streiten sich und beschimpfen einander wegen unterschiedlicher, aus ihrer Sicht unangemessener Einstellungen zu diesem Tag.

Oleg Budnizki: Das ist durchaus erklärbar. Ich möchte an Michail Pokrowskis bekannten Ausspruch erinnern: „Geschichte ist in die Vergangenheit projizierte Politik.“ Pokrowski bezog das zwar auf bürgerliche Historiker. Tatsächlich aber wird Geschichte fast immer politisiert, mit der Gegenwart in Beziehung gesetzt und unmittelbar auf sie übertragen, wenn Politiker oder Laien darüber sprechen. Russlands Beziehungen zum Westen im weiteren Sinne sind gegenwärtig ziemlich angespannt. Es ist kein Zufall, dass die Verbündeten in der Rede des Präsidenten überhaupt nicht erwähnt werden. Vielmehr heißt es, das sowjetische Volk habe während der entscheidenden Schlachten allein gegen das nationalsozialistische Deutschland gekämpft. Das hat heftige Reaktionen ausgelöst. Ganz offensichtlich hängt dies mit der Konfrontation und den schlechten Beziehungen zusammen, die heute das Verhältnis Russlands zur westlichen Welt prägen.

Ein zweiter Punkt: Wenn der Lebensstandard seit mehreren Jahren sinkt, wenn steigende Lebensmittelpreise mit bloßem Auge zu erkennen sind und sich mit keiner offiziellen Inflationszahl in Einklang bringen lassen, stellt sich auch die Frage, warum wir so ungeheure Summen für diese einstündige Inszenierung ausgeben, statt sie für andere Zwecke einzusetzen. Man könnte noch viele weitere Gründe nennen. Und das Wichtigste ist jetzt, gerade in diesem Wahljahr…

Nun rede ich schon wie ein eingefleischter Politikwissenschaftler, obwohl ich mich von dieser merkwürdigen Disziplin distanziere und sie, genauer gesagt, im Großen und Ganzen nicht für eine Wissenschaft halte. Ich hoffe, die Politikwissenschaftler nehmen mir das nicht übel… Seit die Machthaber die sogenannte Opposition nicht mehr als etwas Normales, sondern als Feind betrachten und zwischen ihr und den Herrschenden keinerlei Dialog mehr erkennbar ist, wird unter diesen Bedingungen jedes Ereignis, auch ein historisches, zum Stoff für Polemik. Diese Polemik hat mit den historischen Realitäten eigentlich überhaupt nichts zu tun. Jeder malt sich seinen eigenen Krieg aus und findet darin, was ihm passt und was er gegen die andere Seite verwenden kann. So würde ich es ganz allgemein formulieren.

Iwan Tolstoi: Wenden wir uns dann Ihrem Buch zu, über das viel gesprochen wird. Gedruckte Rezensionen habe ich noch nicht gelesen, aber ich höre bereits Reaktionen von Lesern, von Bekannten und auf Facebook. Es trägt den interessanten Titel „Menschen im Krieg“. Beginnen wir mit dem Titel. Er klingt sehr unakademisch, dabei sind Sie doch ein Wissenschaftler.

Oleg Budnizki: Ich behaupte nicht, dass mein Buch eine akademische Monografie ist; es richtet sich an ein breites Publikum. Zugleich ist es durchaus wissenschaftlich, denn es beruht auf Forschung. Es enthält leichter und weniger leicht zugängliche Texte, solche auf Grundlage der vorhandenen Literatur und solche, die auf meinen Archivstudien beruhen. Ich hoffe, dass jeder einigermaßen gebildete Mensch, der sich für Geschichte interessiert, dieses Buch verstehen kann. Zugleich würde ich sagen, dass es aus wissenschaftlicher Sicht keine Zugeständnisse gibt: Wann immer ich über etwas schreibe, versuche ich, mich auf Quellen zu stützen.

Was bedeutet der Titel? Ein wesentlicher Teil des Buches, mehr als die Hälfte, beschäftigt sich damit, wie die Menschen den Krieg wahrnahmen, die an ihm teilnahmen und ihre Beteiligung, ihr Weltgefühl sowie das, was sie sahen, erlebten und empfanden, in unterschiedlichen Texten festhielten. Woher kennen wir die Geschichte des Krieges und des Kriegsalltags? Aus den Texten, die Menschen uns hinterlassen haben, aus ihren aufgezeichneten Berichten. Ein erheblicher Teil beruht auf Kriegstagebüchern und auf Interviews - damals nannte man sie „Gespräche“ -, die Historiker noch während des Krieges führten. Damals hatte sich noch kein verbindlicher Deutungskanon herausgebildet, und die Menschen sagten oft Dinge, von denen sie später nicht einmal hätten träumen können, sie zu erzählen.

Was halte ich sonst noch für wichtige Quellen über die tatsächliche Wahrnehmung des Krieges, über den wirklichen Krieg? Erinnerungen, die nicht erst viele Jahre später entstanden, als es einen Trend gab, alles Sowjetische zu kritisieren und neu zu bewerten, sondern die noch unter der Sowjetmacht für die Schublade geschrieben wurden, ohne Hoffnung auf Veröffentlichung. Auch das sind sehr wichtige Texte: Ein Mensch schreibt im Wissen, dass sein Text niemals erscheinen wird, und kann dem Papier seine wesentlichen Gedanken und Eindrücke anvertrauen. Auf diesen Quellenkreis habe ich mich vor allem gestützt. Daraus entstehen Essays, die auf der persönlichen Wahrnehmung des Krieges beruhen. Ich versuche zu verstehen, wie sich die Menschen damals unter ihren konkreten Umständen fühlten.

Daher der Titel „Menschen im Krieg“. Es geht um ganz unterschiedliche Menschen, unbekannte, wenig bekannte oder sehr berühmte. Nur wenige kennen beispielsweise Georgi Slawgorodski. Er begann den Krieg als Sergeant und beendete ihn als Bataillonskommandeur im Rang eines Majors. Er erlebte den Sieg nur knapp nicht mehr: Ende Januar 1945 fiel er und wurde postum zum Helden der Sowjetunion ernannt. Mich interessiert jedoch weniger seine militärische Tätigkeit als die Tatsache, dass dieser Mensch ein Tagebuch führte. Er war ein sowjetischer Intellektueller der ersten Generation, Absolvent der philologischen Fakultät eines pädagogischen Instituts in der Provinzstadt Molotow, und wollte Russisch und Literatur unterrichten. Dabei war seine schriftsprachliche Ausdrucksfähigkeit erschreckend schlecht; beim Lesen seiner Texte käme man kaum auf die Idee, einen Lehrer für russische Sprache und Literatur vor sich zu haben. Zugleich hatte er Ehrgeiz, träumte davon, ein wirklicher Intellektueller und Schriftsteller zu werden, und sein Vorbild war natürlich Lew Tolstoi. Er führte den ganzen Krieg hindurch Tagebuch. Das sind erstaunlich interessante Texte. Die meisten Tagebücher stammen von einigermaßen gebildeten Menschen und Bewohnern großer Städte: wenn nicht aus Moskau oder Leningrad, dann aus Dnepropetrowsk oder Kiew. Hier aber haben wir einen Menschen aus dem Hinterland am Don, unweit von Millerowo, den das Schicksal nach Molotow verschlagen hatte und der fast den gesamten Krieg mitmachte.

Darin finden sich sehr interessante Dinge. Er träumt keineswegs davon, Militär zu sein, obwohl ihm gerade das am besten gelingt. Er kämpft ausgezeichnet und schreibt über sich selbst, er habe sich „wieder vom Krieg mitreißen lassen“. Nicht von einem Spiel, sondern vom wirklichen Krieg. Dabei läuft für ihn alles glänzend: Ohne eine ernsthafte militärische Ausbildung wird er Bataillonskommandeur und Major, erhält verschiedene Orden und wird postum zum Helden der Sowjetunion ernannt. Er beobachtet den Dienst, das Leben, die Kameraden und seine Beziehungen zu Frauen. Er träumt davon, eine Familie zu gründen, von Liebe, davon, mit den Kameraden einfach zu trinken und sich zu erholen, statt Krieg zu führen. Doch das Schicksal lässt ihn kämpfen, und er geht als derjenige in die Geschichte ein, der er geworden ist: Major Slawgorodski.

Die Aufzeichnungen behandeln ganz Verschiedenes: den Rückzug von 1941, die Schlacht von Stalingrad, an der er teilnahm, die Offensiven von 1944-45 und die Beziehungen zur Bevölkerung. Ein außerordentlich aufschlussreicher Text. Ich habe ihn veröffentlicht - genauer gesagt, Alexander Borissowitsch Isjumski veröffentlichte ihn auf meine Initiative hin und mit meinem Vorwort. In diesem Essay habe ich versucht zu analysieren, was für ein Mensch Slawgorodski war und welche Zeugnisse seiner Zeit er hinterlassen hat.

Iwan Tolstoi: Wenn Ihr Buch aus persönlichen Aufzeichnungen oder Ego-Dokumenten besteht, bedeutet das dann, dass die Perspektive seiner Protagonisten lokal, eng und kleinräumig bleibt, dass ihr Horizont auf das beschränkt ist, was sie selbst sehen, und dass die großen Fragen im Buch gar nicht gestellt werden?

Oleg Budnizki: Erstens entsteht gerade aus diesen individuellen Blickwinkeln, aus diesen Fragmenten, das große Bild. Wir sind daran gewöhnt, Ereignisse aus der Perspektive von Göttern und Helden zu betrachten, von Marschällen und Generälen, von Partei- und Regierungsführern. Doch der wirkliche Krieg vor Ort, im Feld, sieht ganz anders aus als aus dem Stab, wo das Schlachtfeld einem Schachbrett gleicht. Was wir in den Memoiren von Marschällen und Generälen sehen, die meist nicht von ihnen selbst, sondern von Ghostwritern verfasst wurden - das nannte man „literarische Aufzeichnung“… Ich hoffe, man wird mir keinen Rassismus unterstellen: Der im Russischen gebräuchliche Ausdruck für einen Ghostwriter lautet wörtlich „literarischer Neger“ und bezeichnet jemanden, der für einen anderen schreibt, unter dessen Namen der Text dann erscheint. Hier hingegen sehen wir das wirkliche Gewebe der Ereignisse, wie es tatsächlich zuging und aussah. Aus diesen kleinen Fragmenten entsteht das Mosaik eines komplexen Bildes des Krieges.

Aber darum allein geht es im Buch nicht; der Titel deckt nicht den gesamten Inhalt ab. „Ereignisse und Menschen“ wäre vielleicht genauer gewesen, doch der Verlag fand, das klinge weniger elegant, und ich stimmte zu. Ich schreibe über große Ereignisse, die den Lauf der Geschichte bestimmten. Das Buch beginnt mit München; das Kapitel heißt „Die Sieger verloren in München“. Das nächste Kapitel ist dem Hitler-Stalin-Pakt gewidmet. Dabei untersuche ich etwas, das oft ausgeblendet wird: Wer profitierte tatsächlich von diesem Abkommen, was erhielt letztlich Deutschland und was die Sowjetunion?

Iwan Tolstoi: Das ist sehr interessant. Bei diesem Thema würde ich gern verweilen.

Oleg Budnizki: Die Befunde zeigen, dass es ein ungeheurer Fehler Stalins war. Ich zitiere einen Ausspruch eines Akteurs der Französischen Revolution: „Das ist schlimmer als ein Verbrechen, das ist ein Fehler.“ Worauf setzte Stalin? Er rechnete damit, der lachende Dritte zu sein. Wie viele Militärs und Politiker bereitete er sich auf den vergangenen Krieg vor. Es war klar, dass eine Konfrontation mit den Westmächten bevorstand: Sie hatten Polen Garantien gegeben. Sie hatten geglaubt, das nationalsozialistische Deutschland in München beschwichtigen zu können, dann werde sich schon alles einrenken. Stattdessen besetzte Hitler die gesamte Tschechoslowakei und wollte Polen angreifen. Diese Garantien kamen ausdrücklich von den Westmächten, nicht von den östlichen Mächten; das ist sehr wichtig. Dabei hatten sie keine wirklichen Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Man vergleiche die Lage der polnischen Westgrenze mit der Großbritanniens, das praktisch kein Landheer besaß, und Frankreichs. Dennoch war klar, dass es im Westen Krieg geben würde. Stalin dachte, es werde wie im Ersten Weltkrieg ein langwieriger Krieg; die kapitalistischen Länder würden sich gegenseitig erschöpfen und damit die Weltrevolution näher rücken lassen. Ganz zu schweigen davon, dass die Sowjetunion in Sicherheit wäre: Während diese imperialistischen Raubtiere einander bekämpften, könnte die UdSSR sicher bleiben und ihre Verteidigungsfähigkeit stärken.

Was geschah tatsächlich? Das sind keine Vermutungen von mir. Stalin erklärte dies Georgi Dimitroff, dem Vorsitzenden der Komintern, der wissen wollte, wie er selbst und die Komintern sich verhalten sollten. Eben noch war der deutsche Nationalsozialismus der Feind gewesen, und plötzlich hatte man mit ihm einen Nichtangriffsvertrag geschlossen und gemeinsam gegen Polen gehandelt. Dimitroff verstand wie viele andere nicht, wie er sich unter diesen Umständen verhalten und Propaganda betreiben sollte. Deshalb erläuterte Stalin es ihm. Und was kam dabei heraus? Der Krieg wurde weder ein Stellungskrieg noch ein langwieriger Krieg. Er wurde ein Bewegungskrieg, blitzschnell, ein Blitzkrieg. Frankreich wurde besiegt, nebenbei wurden Belgien und Holland besetzt, zuvor schon Norwegen.

Und was erhielt am Ende Stalin, was Hitler? Stalin erhielt den Ostteil Polens, die Westukraine und Westbelarus, die baltischen Republiken, Bessarabien und die Nordbukowina. Nun vergleiche man das mit dem, was das nationalsozialistische Deutschland erhielt. Ich werde nicht alles aufzählen: Es bekam eine ganze Reihe entwickelter europäischer Länder, deren Industrie nun für Deutschland arbeitete. Darüber hinaus erhielt Hitler Kriegsgefangene, die in der deutschen Industrie eingesetzt werden konnten, sodass deutsche Männer für den Dienst in der Wehrmacht frei wurden. Er erhielt erhebliche fertige Bestände an militärischer Ausrüstung und Transportmitteln sowie einen gewaltigen Zuwachs an Bodenschätzen wie Bauxit, dem Ausgangsstoff für Aluminium, aus dem Flugzeuge hergestellt werden. Hitlerdeutschland wurde ungeheuer gestärkt. Wer davon profitierte, muss ich wohl nicht erklären.

Der Grundgedanke russischer Diplomatie war stets, mit dem übernächsten Nachbarn befreundet zu sein. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Europa deutlich, dass das stärker werdende Deutschland sowohl für das Russische Reich als auch für Frankreich eine reale Gefahr darstellte und dass keines der beiden Länder Deutschland allein gewachsen war. Darauf beruhte das französisch-russische Bündnis der frühen 1890er-Jahre, als das autokratische Russland sich mit dem republikanischen Frankreich verbündete. Kaiser Alexander III. hörte mit entblößtem Haupt die „Marseillaise“, für deren Aufführung man in Russland bis ans Ende der Welt verbannt werden konnte. Dieses Prinzip der Freundschaft mit dem übernächsten Nachbarn wurde grob verletzt. Dann trat jener Albtraum ein, der sowohl den Gestaltern der imperialen russischen Außenpolitik als auch den Militärs vorgeschwebt hatte: Deutschland besiegte Frankreich, und die Sowjetunion, wie das Russische Reich nun hieß, stand auf dem Kontinent allein dem nationalsozialistischen Deutschland gegenüber.

Iwan Tolstoi: Oleg Witaljewitsch, wie reagierten die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen darauf? Zum Beispiel die russischen Emigranten?

Oleg Budnizki: Die russischen Emigranten reagierten sehr unterschiedlich. Manche warteten voller Freude darauf, dass Deutschland in die Sowjetunion einmarschierte. Meinen Sie den Pakt?

Iwan Tolstoi: Vor allem den Pakt.

Oleg Budnizki: Die Reaktionen auf den Pakt waren unterschiedlich. Ich würde sagen, die vorherrschende Reaktion war Ratlosigkeit. Außerdem waren sie natürlich sehr betrübt, besonders diejenigen, die in Frankreich lebten, über die Welle der Russenfeindlichkeit, die die französischen Behörden und die Gesellschaft erfasste. Die Sowjetunion hatte ein Abkommen mit einem potenziellen Gegner geschlossen, und buchstäblich zehn Tage später war dieser Gegner nicht mehr potenziell, sondern ganz real. Es begannen Verfolgungen der Linken und der Kommunisten. Sie waren desorientiert: Eben noch hatten sie gewusst, dass der Nationalsozialismus der Hauptfeind war, und plötzlich erhielten sie eine völlig andere Vorgabe. In Frankreich wurden Kommunisten ziemlich hart verfolgt, weil man sie nun mit dem Land in Verbindung brachte, das ein Abkommen mit Deutschland geschlossen hatte.

Eine weitere sehr aufschlussreiche Geschichte ereignete sich, als die UdSSR in Umsetzung der im August 1939 getroffenen Vereinbarungen - ich meine die geheimen Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt - den Krieg gegen Finnland begann. Hier waren die Reaktionen besonders interessant: Die einen lehnten diese Aggression der Roten kategorisch ab, die anderen meinten, die Bolschewiki dienten der russischen nationalen Sache und stellten das Russische Reich wieder her. Beispielsweise sagte Pawel Nikolajewitsch Miljukow, der bis dahin ein entschiedener Gegner des Bolschewismus gewesen war, ihm täten die Finnen leid, aber er könne sich Russland ohne das Gouvernement Wyborg nicht vorstellen. So sah eine der Reaktionen aus.

Aus irgendeinem Grund gelten russische Liberale nicht als Nationalisten im aufgeklärten Sinne des Wortes. Das ist völlig falsch. Die Liberalen des frühen 20. Jahrhunderts waren eine imperiale Partei. Für sie, auch für Wassili Maklakow, einen der Protagonisten meines Buches, war die Angliederung, wenn schon nicht ganz Finnlands, dann doch jener Gebiete, die nach der Russischen Revolution an Finnland gefallen waren, vollkommen legitim. Solche nationalen Interessen Russlands standen für sie über dem vorübergehenden bolschewistischen Regime. Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion änderte sich die Lage erheblich. Nun verlief eine absolute, unversöhnliche Trennlinie durch die Emigration.

Ein erheblicher Teil der Emigranten, vielleicht sogar die Mehrheit - genaue Zahlen können wir nicht haben, es gab keine Meinungsumfragen -, unterstützte und begrüßte den Angriff in der Annahme, nun werde der Bolschewismus endlich zusammenbrechen. Sie baten darum, in der Wehrmacht dienen zu dürfen. Alexei von Lampe, der Leiter des Russischen Allgemeinen Militärverbandes - die Deutschen hatten ihn verboten, weshalb er in Vereinigung Russischer Militärverbände umbenannt wurde -, schrieb Briefe an Brauchitsch und später an Hitler: Nehmt uns auf, wir sind zum Dienst bereit. Doch die Deutschen brauchten sie überhaupt nicht. Hitler misstraute Russen jeder Art, ob Weißen, Roten oder Grünen. Er hielt sie für russische Nationalisten, die sich früher oder später doch gegen Deutschland wenden würden. Daher rührte übrigens auch Hitlers Misstrauen gegenüber Wlassow und die Tatsache, dass dieser erst Ende 1944 eine Russische Befreiungsarmee aufstellen durfte, als der Zug längst abgefahren war. Eine russische Regierung als Alternative zur bolschewistischen wollten die Deutschen selbstverständlich nicht zulassen, und sie ließen sie auch nicht zu.

Iwan Tolstoi: Und wie stand man zu General Krasnow?

Oleg Budnizki: Das ist eine etwas andere Geschichte. Er gehörte nicht zu den ehemaligen Roten. In der Emigration gab es auch eine gewisse Eifersucht darüber, dass die Nationalsozialisten die Roten, also Wlassow, den Weißen vorzogen. Die Nationalsozialisten verstanden durchaus, dass das Land inzwischen ein anderes war, die Sowjetunion. Wenn sie, wie die Bolschewiki behaupteten, gewissermaßen Gutsbesitzer, Kapitalisten und irgendwelche Bürgerkriegshelden der Gegenseite im Tross mitbrächten, könnte das bei sowjetischen Menschen, die mit dem Film „Tschapajew“ aufgewachsen waren, eher eine negative Reaktion hervorrufen. Krasnow wurde anders behandelt. Da es unter den Kosaken einen erheblichen kollaborationistischen Teil gab, ernannte man ihn zum Leiter der Hauptverwaltung der Kosakentruppen. Krasnow beteiligte sich an diesen Kosakenverbänden, die in der Wehrmacht kämpften; jedenfalls stellte er seinen Namen zur Verfügung und war ihr Symbol. Hier war die Geschichte etwas einfacher.

Zwischen Krasnow und Wlassow herrschten, gelinde gesagt, feindselige Beziehungen. Der bereits erwähnte von Lampe traf übrigens Wlassow und schrieb anschließend an General Archangelski, der damals den Russischen Allgemeinen Militärverband leitete. Die Nationalsozialisten hatten alles verboten, doch er stand dem Verband gewissermaßen in einer Art Ruhezustand weiterhin vor. Von Lampe schrieb: Ich habe mit ihm gesprochen, er gehört zu uns, er ist wie wir, er denkt wie wir, nur fehlt ihm die Bildung und dies und jenes… Er schätzte den Bildungsstand und die intellektuellen Fähigkeiten dieses Bauernsohns offenbar nicht besonders hoch ein. Aber er sei wie wir, er denke in denselben Kategorien. Das war eine interessante Episode, aus der allerdings keine große Zuneigung entstand. Dennoch beteiligten sich auch ehemalige Weiße, als Wlassows Komitee zur Befreiung der Völker Russlands im November 1944 gegründet wurde und das Prager Manifest erschien. So war das.

Andere - die wohl bedeutendste Persönlichkeit war hier General Denikin - wollten unter keinen Umständen mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiten. Sie meinten, wer auch immer in Russland an der Macht sei, dies sei ein Krieg gegen Russland selbst. Zu denen, die unbeirrbar auf diesem Standpunkt beharrten, gehörten gerade Liberale und Demokraten, die sich im Gegensatz zu den Konservativen und Rechten als Westler und nicht als Patrioten verstanden. Die Rechten waren zum Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland bereit, die Linken nicht. Selbst die Mehrheit der gemäßigten Linken lehnte dies entschieden ab; manche beteiligten sich sogar am Widerstand.

Iwan Tolstoi: Sie erwähnten das Prager Manifest. In Prag lebte ein sehr interessanter Mann, der nach dem Krieg, 1946 in Moskau, durch sein sogenanntes „Langes Telegramm“ berühmt werden sollte: der amerikanische Diplomat George Kennan. Aber wir sprechen jetzt nicht über die Nachkriegszeit, sondern über die Kriegs- und Vorkriegsjahre. Kennan war in Prag. Wie stand er zum Hitler-Stalin-Pakt? Ist darüber etwas bekannt?

Oleg Budnizki: Aus dem Stegreif kann ich nicht sagen, wie George Kennan den Hitler-Stalin-Pakt beurteilte. Ich möchte darauf hinweisen, dass er 1939 den Einmarsch der Wehrmacht in Prag und die nationalsozialistische Besetzung der Stadt beobachtete. Er besaß durchaus eine gewisse Voraussicht und schrieb, die künftige Rache der Tschechen werde schrecklich sein, oder etwas in dieser Richtung. Das zitiere ich im Buch. Und er hatte vollkommen recht: Im Mai 1945 war die Rache der Tschechen schrecklich. In Berichten sowjetischer Politoffiziere ist festgehalten, wie sie mit den Prager Deutschen, auch mit Zivilisten, umgingen: Sie töteten sie auf qualvolle Weise, erniedrigten sie auf jede erdenkliche Art, zwangen halbnackte Frauen, mit Zahnbürsten die Straßen zu reinigen, und Ähnliches. So können die langfristigen Folgen bestimmter Handlungen aussehen.

Von der Sudetenfrage ganz zu schweigen. Die Sudetendeutschen wurden auf äußerst grausame Weise aus der Tschechoslowakei vertrieben. Die Vertreibung war von Morden, Plünderungen, Vergewaltigungen und jeder Art von Misshandlung der tschechischen Sudetendeutschen begleitet. Sie hatten zuvor niemals zu Deutschland gehört, die meisten von ihnen hatten 1938 aber den Einmarsch von Hitlers Truppen freudig begrüßt. 1945 mussten sie auf diese entsetzliche Weise Orte verlassen, an denen ihre Familien jahrhundertelang gelebt hatten. Wie Pjotr Stolypin einmal sagte: „In der Politik gibt es keine Moral, aber es gibt Folgen.“ Wenn Politiker jedoch die Moral vergessen, können diese Folgen vollkommen entsetzlich sein.

Iwan Tolstoi: Wessen persönliche Erfahrungen beschreiben Sie sonst noch in Ihrem Buch?

Oleg Budnizki: Ich habe Georgi Slawgorodski genannt, aber es gibt auch eine völlig gegensätzliche Figur: Wladimir Gelfand. Ein naiver junger Mann, gerade von der Schulbank gekommen, der alles aufschreibt, auch Dinge, die ein vernünftiger Mensch vermutlich nicht einmal für sich selbst festhalten würde: etwa seine Liebesabenteuer im Nachkriegsdeutschland mit allen möglichen physiologischen Einzelheiten oder seine qualvolle Genesung von einer Gonorrhö, die er sich beim Verkehr mit einer weiteren Deutschen zugezogen hatte. Dieses Tagebuch ist einzigartig: Es ist ungeheuer umfangreich und beginnt schon 1941, in den Wochen vor dem Krieg. Aus meiner Sicht ein sehr interessanter Text.

Es gibt ein eigenes Kapitel über Fronttagebücher insgesamt, mit kurzen Porträts der Verfasser und Auszügen aus ihren Aufzeichnungen. Das sind sehr interessante Texte. Menschen beginnen aus unterschiedlichen Gründen Tagebuch zu führen, und die Tagebücher sind unterschiedlich lang.

Pawel Elkinsons Tagebuch ist sehr kurz, aber geradezu verblüffend. Es ist buchstäblich ein Heft; auf die Zahl der Druckzeichen umgerechnet umfasst es etwa einen Autorenbogen, vielleicht sogar etwas weniger. Er begann es, als seine Einheit die Staatsgrenze überschritten hatte, und schrieb, er werde ja nie wieder ins Ausland kommen, deshalb müsse er diese Eindrücke festhalten. Eine eigentümliche Art von militärischem Tourismus. Er war Artillerist, Aufklärer und Richtschütze. Er kam nach Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Ungarn und Österreich. Die Aufzeichnungen sind außerordentlich interessant, auch hinsichtlich der Beziehungen zu Frauen. Diese Beziehungen waren denkbar unkompliziert. In Ungarn schrieb er: „Jede Nacht gehen der Aufklärungschef und ich zu den Weibern.“ Angesichts der Besonderheiten des Ungarischen, einer finno-ugrischen Sprache, weiß ich nicht, wie sie sich verständigten, aber irgendwie fanden sie eine gemeinsame Sprache. Oder in Österreich: „Heute haben wir ausprobiert, wie Österreicherinnen sind.“ Ein bemerkenswertes kleines Tagebuch.

Aber es geht nicht nur um die Liebesabenteuer des Sergeanten Elkinson. Das Tagebuch erfasst Kriegswirklichkeiten wie die äußerst blutigen Kämpfe in Ungarn, als vier seiner Kameraden an einem einzigen Tag fallen und er schreibt: „Wann bin ich an der Reihe?“ Wir wissen, dass der Krieg bald enden wird, aber im März 1945 ist es noch ein langer Weg bis dahin, denn Menschen starben dort auch noch in den letzten Kriegstagen. Es gibt Kapitel zu unserem schmerzlichen, ständig diskutierten Thema Lend-Lease. Eines habe ich ausdrücklich „Lend-Lease. Fakten und Mythen“ genannt. Darin untersuche ich, was es war, was es der Sowjetunion brachte, und überhaupt diese ewige Frage: Hätte die Sowjetunion den Krieg ohne die Hilfe der Verbündeten gewinnen können?

Iwan Tolstoi: Genau, das passt hierher.

Oleg Budnizki: Ich würde es so formulieren: Gewonnen hat den Krieg die Anti-Hitler-Koalition. Das stand übrigens, soweit ich mich erinnere, in allen sowjetischen Schulbüchern. Weil wir zusammenstanden, wurde der Krieg gewonnen. Ich erinnere nur an eine Zahl. Gewöhnlich denkt man an Panzer und Flugzeuge, die natürlich ebenfalls wichtig waren. Alexander Pokryschkin beispielsweise schoss 48 seiner insgesamt 59 gegnerischen Flugzeuge ab, während er einen amerikanischen Airacobra-Jäger flog. Auch seine gesamte Staffel und später das von ihm geführte Regiment flogen diese Maschinen. Ein Drittel aller Sprengstoffe - Schießpulver und TNT - wurde jedoch von den Verbündeten geliefert. Mit anderen Worten: Jede dritte von sowjetischen Soldaten und Artilleristen abgefeuerte Granate oder Patrone war mit importiertem Pulver oder TNT geladen. Die Bedeutung dieser Tatsache muss man nicht erklären.

Iwan Tolstoi: Da gibt es noch ein interessantes Detail zum Telefonkabel.

Oleg Budnizki: Ja, Telefonkabel, ganz richtig, mit dem man den Äquator mehr als einmal hätte umwickeln können. Telefonkabel war sehr wichtig, noch wichtiger waren aber die Lieferungen von Hochfrequenz-Funksendern. Transport und Kommunikation waren vom ersten Kriegstag an die Achillesferse der Roten Armee. Gerade diese Probleme wurden vor allem durch die Lieferungen der Verbündeten gelöst: die massenhafte Lieferung amerikanischer Studebaker-, Dodge- und Willys-Fahrzeuge, in erster Linie natürlich Lastwagen, die wesentlich zur Beweglichkeit der Roten Armee beitrugen, sowie Kommunikationsmittel und Funkgeräte unterschiedlicher Art. Das verbesserte die Kampffähigkeit der Roten Armee erheblich. Und noch vieles andere: Aluminium in einer Menge, die die gesamte sowjetische Produktion überstieg, und natürlich das berühmte amerikanische Dosenfleisch, das man bei uns etwas ironisch als „zweite Front“ bezeichnete.

Ganz ohne Ironie kann man jedoch mit Sicherheit sagen, dass ohne die Lebensmittellieferungen während unseres Krieges mehrere Millionen Menschen mehr gestorben wären, und zwar gerade in seiner Endphase, 1943-44. Warum? Weil riesige Gebiete und Dutzende Millionen Menschen befreit wurden, während die Nationalsozialisten auf dem Rückzug Ernten und Lebensmittel vernichteten und eine Politik der verbrannten Erde betrieben. Zugleich war die sowjetische Lebensmittelproduktion während des Krieges gewaltig zurückgegangen: Die Männer waren in der Armee, landwirtschaftliche Maschinen waren für das Militär eingezogen worden, große Ackerflächen lagen in besetzten Gebieten. Insgesamt war es eine äußerst schwierige Lage, eine akute Versorgungskrise. Auf Ersuchen der sowjetischen Regierung bestand damals der größte Teil der alliierten Lieferungen, nach ihrem Wert bemessen, aus Lebensmitteln. Ohne sie hätte nach meiner Einschätzung vielen Regionen des Landes eine tatsächlich tödliche Hungersnot bevorgestanden.

Was enthält das Buch noch? Es handelt hauptsächlich von sowjetischen Menschen, aber eine historische Persönlichkeit hat mich mein Leben lang interessiert: Winston Churchill. Wie wurde dieser Hinterbänkler der 1930er-Jahre, ein Außenseiter seiner eigenen Partei, in Großbritanniens schwerster Stunde Premierminister? Welche Eigenschaften ermöglichten es ihm, zum bedeutendsten englischen Helden des 20. Jahrhunderts zu werden, vielleicht sogar der gesamten britischen Geschichte? Ein Kapitel heißt „Winston Churchills Krieg“. Ein weiteres widme ich der Frage, wie und wann überhaupt die Bezeichnung „Großer Vaterländischer Krieg“ entstand.

Iwan Tolstoi: Und wie war das?

Oleg Budnizki: Die Frage nach dem Zeitpunkt ist interessant. Erstmals wurde er in Molotows Rede vom 22. Juni 1943 als „vaterländisch“ bezeichnet. Der Urheber der Wortverbindung „Der Große Vaterländische Krieg des sowjetischen Volkes“ war Jemeljan Jaroslawski; so lautete der Titel seines Artikels, der am 23. Juni 1941 in der „Prawda“ erschien. Die Bezeichnung entstand also nicht auf natürliche Weise oder erst viele Jahre später wie beim Krieg von 1812, der erst in den 1830er- und 1840er-Jahren „vaterländisch“ genannt wurde. Hier gab es sofort eine Vorgabe von oben, die sich als recht erfolgreich erwies. Allmählich begannen die Menschen, den Krieg als vaterländisch wahrzunehmen; er wurde es. Anschließend wurde der Große Vaterländische Krieg auch in Stalins Rede vom 3. Juli noch einmal erwähnt. Ich verfolge die Entwicklung der Begriffe „Vaterland“, „Patriotismus“ und anderer im sowjetischen Diskurs.

Man kann sich heute kaum vorstellen, dass 1937, jenes vor allem durch den Großen Terror berüchtigte Jahr, auch der 125. Jahrestag des Krieges von 1812 war. In der damaligen sowjetischen Literatur, in Zeitungsartikeln und Theateraufführungen findet man jedoch den Begriff „Vaterländischer Krieg“ nicht. Denn „Vaterland“ galt als bürgerlich-adliger Begriff, als etwas, das überhaupt nicht zu uns gehörte. Der Krieg hieß entweder „Krieg von 1812“ oder „Krieg gegen Napoleon“. Erst 1938 wurde dieser Begriff nach langer Unterbrechung in dem Buch „Napoleons Überfall auf Russland“ des Akademiemitglieds Tarle rehabilitiert, und danach verbreitete er sich. Man kann ein noch auffälligeres Beispiel nennen. Ebenfalls 1937 feierte man einen weiteren erstaunlichen, nicht runden Jahrestag: Seit der Schlacht auf dem Peipussee, der Schlacht auf dem Eis, war eine gewisse Zahl von Jahren vergangen. Die „Prawda“ veröffentlichte einen Leitartikel dazu. Darin war von allem Möglichen die Rede, allerlei Namen wurden genannt, nur einer nicht: Alexander Newski. Warum? Weil er ein Heiliger der Russisch-Orthodoxen Kirche und ein Fürst war und nach den damaligen sowjetischen Vorstellungen nicht zum Helden, Befreier und Verteidiger taugte.

Iwan Tolstoi: Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass es eine solche Phase gab.

Oleg Budnizki: Und wie hätte man sich 1937 vorstellen können, dass im folgenden Jahr Eisensteins Film „Alexander Newski“ in die Kinos käme, in dem Newski zu einem mustergültigen sowjetischen Helden werden würde? Wie Alexander Dowschenko auf einer Konferenz von Filmschaffenden ganz offen sagte: „Er hätte durchaus als Sekretär des Pskower Gebietsparteikomitees arbeiten können.“

Als darüber diskutiert wurde, wem man auf dem Lubjanka-Platz ein Denkmal setzen solle, Dserschinski oder Alexander Newski - als könne ein Platz nicht ohne Denkmal existieren -, stritt man natürlich nicht über den wirklichen Newski, über den wir fast nichts wissen. Gemeint war vielmehr Nikolai Tscherkassow in seiner Rolle als Alexander Newski in dem berühmten Film. Ein anderes Bild haben sowjetische und nicht sowjetische Menschen vermutlich überhaupt nicht mehr.

Iwan Tolstoi: Apropos Mythen: Was ist mythologisch an dem, was wir über Stalins Kirchenpolitik im Krieg wissen, an den Vorstellungen, die sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt haben?

Oleg Budnizki: Was ist an der Kirchenpolitik mythologisch? Aus meiner Sicht besteht der Mythos darin, dass man angeblich uralte, im Volk verwurzelte Werte erkannt und sich mit der Kirche versöhnt habe. Für eine Versöhnung braucht man zwei gleichberechtigte Seiten, die sich miteinander versöhnen. Hier wurde die Kirche einfach benutzt, als man sie brauchte. Und beachten Sie: Diese Versöhnung, die Wiederherstellung des Patriarchats, fand erst in der zweiten Hälfte von 1943 statt, nach der Schlacht bei Kursk, als die Wende im Krieg bereits eingetreten war. Nicht etwa in der Zeit der Not, als Gott und die Kirche angeblich mit uns waren.

Wie lief diese Versöhnung ab? Man rief Metropolit Sergi an und sagte, es gebe die Auffassung, das Verhältnis zur Kirche müsse irgendwie normalisiert werden. Damit war auch die Wiederherstellung des Patriarchats gemeint; man müsse sich treffen und darüber sprechen. Er antwortete: „Ja, irgendwann müssen wir Vorbereitungen treffen.“ „Warum irgendwann? Machen wir es heute.“ Sergi wurde buchstäblich wie ein Parteisekretär eines Bezirks in den Kreml einbestellt. Dort teilte man ihm die bereits gefassten Beschlüsse mit, ebenso die materielle Unterstützung, die Bereitstellung von Räumen, Transportmitteln und anderem. Es musste auch ein Konzil abgehalten werden, dazu waren die Hierarchen zusammenzubringen. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher der anwesenden Kirchenvertreter es sagte, ich glaube, Sergi selbst: „Wissen Sie, einige werden sich nur schwer zusammenrufen lassen, sie sind weit weg.“ Damit meinte er, dass sie in Haft saßen. „Nun, das ist unsere Sache“, antwortete man ihm, und brachte rasch zusammen, wen man für das Konzil zusammenbringen konnte.

Sergi stellte außerdem eine Liste von Hierarchen zusammen, deren Freilassung er wünschte. Es handelte sich um jene, die 1937-38 verhaftet worden und verschwunden waren, als die Kirche ungeheure Verluste erlitt. 1939 waren schließlich nur noch vier Metropoliten auf freiem Fuß. Auf dieser Liste standen fünfundzwanzig Namen. Sergi wusste nicht, dass vierundzwanzig von ihnen längst erschossen worden waren. Der einzige noch lebende Metropolit, der ihm recht nahestand, war im Sommer 1941, nach Kriegsbeginn, verhaftet worden, weil er irgendwo etwas Unpassendes gesagt hatte, und nach Kasachstan verbannt worden. Zu Sergis Lebzeiten bemühte man sich nicht einmal, ihn zurückzuholen - darin zeigte sich die wirkliche Haltung. Er durfte erst nach Kriegsende und nach Sergis Tod aus der Verbannung zurückkehren.

Das war die wirkliche Haltung. Und natürlich wird diese Versöhnung mit der Kirche in den Arbeiten russischer Historiker entsprechend dargestellt, insbesondere bei Olga Wassiljewa, der Bildungsministerin. Anders als andere unserer Bürokraten ist sie eine wirkliche Historikerin und hat durchaus fundierte Arbeiten vorgelegt. Die Hauptaufgabe war außenpolitisch. Es ging nicht nur um Zugeständnisse an die Verbündeten. Die öffentliche Meinung im Westen verlangte eine gewisse Normalisierung des Verhältnisses zur Kirche und zu den Gläubigen in der UdSSR. Deshalb nahm man die Repressionen zurück und erlaubte das Osterfest. Plötzlich gab es eine Rundfunkankündigung: Ostern 1942. Das löste geradezu überwältigtes Erstaunen aus. Nach Angaben des NKWD empörten sich viele Gläubige darüber, dass die Kirchen voller ausländischer Fotoreporter waren, die Aufnahmen machten. Diese Bilder wurden im Westen verbreitet, nicht aber in der Sowjetunion. Die Geste von 1943 hatte jedoch außenpolitische Gründe: weitreichende Pläne, die slawischen Kirchen irgendwie zusammenzuführen und über die Religion auf die Bevölkerung europäischer Länder einzuwirken.

Iwan Tolstoi: Erinnern Sie sich, dass damals, 1942, die Propagandaschrift „Die Wahrheit über die Kirche“ erschien?

Oleg Budnizki: „Die Wahrheit über die Religion in Russland“ war eine prachtvolle Ausgabe mit Goldprägung auf ausgezeichnetem Papier. In der Sowjetunion war sie selbstverständlich weder frei noch auch nur halbwegs frei erhältlich. Zum allergrößten Erstaunen der westlichen Diplomaten klopfte jedoch Metropolit Nikolai Jaruschewitsch an die Tore der nach Kuibyschew evakuierten Botschaften und verteilte das Buch persönlich. Eine bemerkenswerte Geschichte. Übrigens arbeiteten von den vier auf freiem Fuß verbliebenen Hierarchen zwei mit dem NKWD zusammen; jedenfalls betrachtete der NKWD sie als seine Agenten: Nikolai Jaruschewitsch und Sergi Woskressenski. Einer von ihnen, Sergi Woskressenski, war ein Hierarch im Baltikum und saß in Riga. Er verweigerte die Evakuierung, versteckte sich in der Krypta des Rigaer Doms und versah dort anschließend unter den Deutschen seinen Dienst. 1944 wurde er von Unbekannten getötet. Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen; es ist eine komplizierte Geschichte.

Das Kapitel über die Geschichte des Umgangs mit Gläubigen heißt „Repressionen gegen Gläubige in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges“. Es handelt von Menschen, die im Krieg brutal verfolgt wurden. Meist gehörten sie nicht zur von Sergi geführten Kirche, sehr oft waren sie Häftlinge und überwiegend Frauen. Sie wurden gruppenweise erschossen, beispielsweise weil sie sich weigerten, an religiösen Feiertagen oder sonntags zur Arbeit zu gehen. Daraus entstanden Anklagen nach den Artikeln 58.10, Teil 2, 58.11 und 58.14. Zur Erklärung: Abschnitt 10 betraf die konterrevolutionäre Agitation. Jede religiöse Handlung, Äußerung und Ähnliches wurde mit konterrevolutionärer, antisowjetischer Propaganda gleichgesetzt. Abschnitt 11 betraf die Organisation, was die Sache verschärfte: Sie versammelten sich ja in Gruppen, also hatte man eine Organisation. Und Abschnitt 14 betraf Sabotage. Wer nicht zur Arbeit erschien, war demnach eine Saboteurin.

Im Staatsarchiv der Russischen Föderation, in den Unterlagen des Obersten Gerichts und anderswo fand ich schreckliche Fälle, in denen jeweils mehr als zehn Frauen zum Tode verurteilt wurden. In Kasachstan, in den dortigen Lagern, gab es Gruppenerschießungen gläubiger Frauen.

Nach der Befreiung folgte eine weitere Repressionswelle. Während der Besatzung waren Tausende Kirchen geöffnet worden, in denen Priester und einige orthodoxe Bischöfe ihren Dienst versahen. Das Problem war, dass sie wohl oder übel etwas Positives über die Nationalsozialisten und Hitler als Befreier sagen mussten. Manche glaubten aufrichtig daran, für andere war es eine unvermeidliche rituelle Formel. Auch gegen diese Geistlichen gab es erhebliche Repressionen, wenn auch nicht so grausame wie 1937-38. Einige hatten tatsächlich aus Überzeugung mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet; viele gerieten aber einfach deshalb unter die Repressionen, weil sie die falschen Dinge gesagt hatten, was nach sowjetischem Recht zweifellos ein Verbrechen war.

Andererseits war dies unter den konkreten Bedingungen der Besatzung ein unvermeidliches Übel. Es ist überhaupt ein sehr heikles und kompliziertes Thema. Besatzung hin oder her, Kinder mussten unterrichtet werden. Ich behandle diese Geschichte hier nicht, aber selbst ein Mathematiklehrer stand vor dem Problem, dass im Klassenzimmer ein Hitlerporträt hing. Wenn er dort in Hitlers Gegenwart Mathematik unterrichtete, war er gewissermaßen an etwas Derartigem beteiligt. In den meisten Fällen folgten daraus keine Repressionen. Man muss aber verstehen, in welch schwieriger Lage Menschen waren, die unter Besatzung gerieten und einfach weiter ihren Beruf ausübten. Der Direktor des Zoos in Rostow am Don beispielsweise ließ sich nicht evakuieren. Er blieb und erfüllte unter der Besatzung weiterhin seine Aufgaben, weil er meinte, die Tiere könnten nichts dafür. Nach der Befreiung wurde er aus der Partei ausgeschlossen und entlassen, aber nicht härter bestraft. Eine paradoxe Situation. Ebenso ging es etwa den Beschäftigten der Kanalisation: Rein formaljuristisch dienten sie in der deutschen Besatzungsverwaltung. Darin lag die schreckliche Lage mancher Menschen in den besetzten Gebieten.

Iwan Tolstoi: Wir müssen nun einen Schlusspunkt setzen, obwohl ich gern weiterreden, Ihnen zuhören und Ihr offenbar sehr interessantes Buch lesen würde. Welche Schlussfolgerung können wir ziehen, außer dass der 9. Mai ein „Fest mit Tränen in den Augen“ ist?

Oleg Budnizki: Wir setzen keinen Punkt, sondern Auslassungspunkte. Denn über keinen anderen Zeitraum wurde so viel geschrieben wie über den Krieg, weder in der Weltgeschichte, wenn wir den Zweiten Weltkrieg meinen, noch über irgendeinen anderen Abschnitt der sowjetischen Geschichte.

Iwan Tolstoi: Selbst nicht über die Revolution?

Oleg Budnizki: Ja, über den Krieg wurde mehr geschrieben. Doch wir sind noch sehr weit davon entfernt, sagen zu können, wir hätten nicht nur die Themen ausgeschöpft, sondern würden die Geschichte des Krieges wirklich kennen. Eine ungeheure Menge an Archivmaterial ist nach wie vor geheim, darunter Unterlagen von größter Bedeutung.

Iwan Tolstoi: Warum?

Oleg Budnizki: Ich erläutere es an einem Beispiel. Der berühmte sowjetische Schriftsteller Konstantin Simonow, Mitglied der Zentralen Revisionskommission der KPdSU, des Schriftstellerverbandes und so weiter, schlug einmal vor, beim Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums eine Sammlung von Soldatenerinnerungen einzurichten. Denn in den 1960er-Jahren waren die Zeitschriftenredaktionen nach Sergei Smirnows öffentlichen Auftritten mit Kriegserinnerungen von Teilnehmern überschwemmt worden, vom einfachen Soldaten bis zum Offizier. Literarisch waren diese Texte zumeist unbeholfen, enthielten jedoch Informationen. Simonow meinte deshalb, eine solche Sammlung sei nötig, aus der künftige Historiker etwas gewinnen könnten. Und was meinen Sie? Man schickte den Vorschlag zur Begutachtung an den Generalstab, dessen Chef damals General Ogarkow war, und an die von Jepischew geleitete Politische Hauptverwaltung. Wie lautete deren Urteil? Nein, das brauche man nicht, es würde nur Verwirrung und unterschiedliche Sichtweisen auf die Kriegsgeschichte erzeugen. Es dürfe aber nur eine einzige Geschichte geben, jene, die von oben vorgeschrieben sei. So ging man mit der Geschichte des Krieges um.

Das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums war das geheimste unserer Archive. Die Freigabe von Akten, die Archivrevolution der 1990er-Jahre, berührte es am wenigsten. Obwohl wiederholt auf höchster Ebene verschiedenste Anweisungen und Beschlüsse zur Freigabe sämtlicher Unterlagen über den Krieg ergingen, ist es in der Praxis häufig noch ein weiter Weg bis dahin. Nehmen wir etwa den wichtigen Bestand der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee, die sich mit der moralisch-politischen Verfassung der Truppen, der Disziplin und Ähnlichem beschäftigte: Der größte Teil ist gesperrt. Die Bestände der Militärtribunale sind gesperrt, beispielsweise auch die des FSB. Sie sind besonders wichtig, weil dort regelmäßig verschiedenste Übersichten, Berichte und vieles andere angefertigt wurden. Das Präsidentenarchiv ist inzwischen an das RGANI, das Russische Staatsarchiv für neueste Geschichte, übergeben worden, doch immer noch sind viele thematische Akten geheim. Etwa zu Finanzfragen, einem außerordentlich interessanten Thema, und zu vielen weiteren Fragen.

Formell sind also 75 Jahre seit Kriegsende vergangen, formell müsste all dies freigegeben und zugänglich sein. In Wirklichkeit geht jedoch alles äußerst langsam voran. Uns erwarten viele erstaunliche Entdeckungen, positive ebenso wie weniger positive. Weil der Sieg im Krieg bei uns aber nicht mehr nur Geschichte, sondern ein Glaubensbekenntnis geworden ist, wollen nicht alle, dass die wirkliche Geschichte dieses Krieges Historikern und interessierten Menschen zugänglich wird. So erkämpfen wir uns allmählich, Schritt für Schritt, unser Wissen zurück. Setzen wir Auslassungspunkte; für einen Schlusspunkt ist es zu früh. Ich hoffe, es werden noch weitere Bücher erscheinen, in denen wir sehr wichtige Einzelheiten über die Geschichte des Krieges erfahren.

Iwan TOLSTOI
Radio Swoboda

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