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Politik, Geschichte, Kunst und Philosophie

 

Sachbuch-Presseschau vom 06. Mai 2005
Die Berliner Literaturkritik, Sachbuch-Presseschau vom 06.05.2005

 

Die Berliner Literaturkritik — Pressezeichnung, 2004BERLIN (BLK) – In der Sachbuch-Presseschau vom Freitag finden Sie neben einer Auseinandersetzung mit der Philosophie Hegels von Thomas Sören Hoffmann und einem Kunstband über Michelangelos „Moses“ von Franz Verspohl auch viel Geschichtliches. Die „SZ“ bespricht „Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West“. Das Ehepaar Zwerenz beleuchtet die Geschehnisse rund um Ernst Bloch und seine Anhänger. Ebenfalls finden sich zwei Bände der Autoren Osmar White und Wladimir Gelfand, die sich beide mit den Ereignissen der letzten Kämpfe im Frühjahr 1945 und danach befassen, die man „nicht in großen Geschichtserzählungen findet“. Einen Geschichtsband des jüdischen Historikers Simon Dubnow, der die Jahre 1860 – 1903 umfasst, und den Titel trägt:„Erinnerungen und Gedanken: Materialien zur Geschichte meiner Zeit“, rezensiert die „FAZ“.

„Süddeutsche Zeitung“

Gerhard Zwerenz habe in seinem Buch „Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West“ folgende Thesen: Erstens, dass die DDR um Ernst Bloch betrogen worden sei, indem diesem ab 1957 Lehrverbot erteilt worden war. Zweitens, dass dieser Bloch ab 1961, da für die „bieder-verlogen-postnazistische“ BRD eventuell gefährlich, nach Tübingen abgeschoben und von einer „Veränderungspotenz“ zu einem „Kulturheros“ entschärft und also diese BRD auch um ihn betrogen worden sei. Auch wolle Zwerenz erzählen, was es mit der Bloch-Zwerenz-Gruppe in den fünfziger Jahren in der DDR wirklich auf sich gehabt habe. Und er wolle der Liebe, die seine Frau Ingrid und er bis heute für Bloch hegten, in unzähligen Erzählungen, Anekdoten und Aussprüchen Blochs Ausdruck geben. „Es wird in diesem Buch nicht denkend gearbeitet, sondern es wird teils klug, teils haltlos von den beiden Autoren schwadroniert (...).“ Mal werde chronologisch dargestellt, mal „kommt da einer vom Hölzchen aufs Stöckchen“. Zwerenz’ wild hin und her fahrendes, fuchtelndes, schwärmendes Buch lohne dennoch die Lektüre. Viele der Anekdoten um Bloch und die wunderbar harten, bisweilen auch übellustigen Aussprüche des Altmeisters seien von höchster Heiterkeit, und „wir möchten sie nicht missen“.

Der schmale Band, den Franz Verspohl Michelangelos „Moses“ widmet, halte sich an das, was zumindest auf den ersten Blick Verlässlichkeit erwarten lasse: Die Rede der Quellen und die Botschaft der Figur. Intensive Beschreibungen führten dem Leser die Vieldeutigkeit der Formen und die komplexe Verschränkung der Sinnebenen vor Augen, die Michelangelos Schöpfung innewohnten. Verspohls reduktive Methode lenke den Blick auf die materiell vorhandene Figur. An der Durchdringung der „unvergleichlichen Aura“ des „Moses“ liege dem Autor mehr als an der Auseinandersetzung mit der Forschung, welche er zwar nicht umgehe, aber in einen „stattlichen Anmerkungsapparat“ verbanne. Verspohls minutiöser Beschreibung zu folgen und dabei der Frage nachzugehen, welchen Moses Michelangelo eigentlich dargestellt habe – den Gesetzgeber, den Propheten, den Heerführer oder den von Todesahnung Geplagten – sei fesselnd, so die „SZ“. Weniger überzeugend gelängen jene oft kurzatmig vorgetragenen Deutungen, die über das visuell Nachvollziehbare hinausführten. Die Herausforderung, gegebene Rätsel der Kunstüberlieferung ungelöst zu lassen, sie womöglich sogar als Essenz der Werke zu begreifen, nehme Verspohl nur halbherzig an.

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Der Rezensent der „SZ“ beschäftigt sich mit zwei Büchern, die sich mit den letzten Kriegstagen und der ersten Nachkriegszeit in Deutschland befassen: Osmar Whites „Die Straße des Siegers“ und Wladimir Gelfands „Deutschlandtagebuch 1945-1946“. Beide Bücher, Whites Reportagen und Gelfands Tagebuch „zeugen von den Kleinigkeiten, die in den großen Geschichtserzählungen nicht auftauchen, ohne die diese aber unverständlich sind.“ Ebenfalls beide erzählten von den „letzten Kämpfen im Frühjahr 1945, von ersten Begegnungen mit den besiegten Deutschen, vom Verhalten der Kameraden.“ Die Unterschiede: Der Australier White sei bereits vorher als Autor bekannt gewesen. Er habe sich frei bewegen können. 1946, als das Buch über Deutschland erstmals in den USA und in Großbritannien erscheinen sollte, „verzichteten“ die Verleger ohne Angabe von Gründen auf die Publikation. Gelfand hingegen stamme aus der Ostukraine. Er habe während seiner Zeit in Deutschland gerade erst begonnen „sich und das Leben kennenzulernen“. Er wirke „durchgängig naiver, befangener“. Gemeinsam sei beiden: „So deutlich sie auf der Seite der Alliierten stehen, so kritisch beobachteten sie das Treiben der Siegermächte“, schreibt die „SZ“.

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„Frankfurter Allgemeine Zeitung“

Die „FAZ“ rezensiert das Buch „Georg Wilhelm Friedrich Hegel“ von Thomas Sören Hoffmann: Hoffmann sei gelungen, was „Hegel für seine ,Logik’ beansprucht - dass dort Gedanken wahrhaft gedacht und nicht nur gebraucht oder in Anspruch genommen würden“, lobt der Rezensent. Hoffman zeige in seiner „hervorragenden Gesamtdarstellung“ der Philosophie Hegels unter anderem, dass sich jedes einzelne Prinzip bei konsequenter Selbstanwendung in einem Widerspruch verfange, der das ihm entgegengesetzte Prinzip hervorbringe. Zum Beispiel wandle sich das Sein „in die Bestimmung, Nichts zu sein“ (Hoffmann). Am Anfang seien Sein und Nichts dasselbe. Hegel überwinde die Leere des Anfangs, „indem er beide statt als statische Zustände als Teilmomente eines dynamischen Prozesses begreift. So gelangt er zum Werden“ („FAZ“). Aus dem Werden kristallisiere sich das „bestimmte Sein“ (Hegel) heraus. „Das Ganze“ sei Hegel zufolge also nichts anderes als der „sich selbst durchsichtig gewordene Vermittlungszusammenhang alles Einzelseienden“, schreibt der Rezensent. Der Mensch erscheine so als „dezentrisches Subjekt, (…) das sein Selbst außerhalb seiner selbst in einem überindividuell Geltenden hat“ (Hoffmann) und „dieses überindividuell Geltende ist der Geist“, erläutert die FAZ. Bei Hoffmann, lobt die „FAZ“, darf „Hegel (…) er selbst sein.“

Die „FAZ“ berichtet, dass der erste Band des „Buchs des Lebens“, mit dem wichtigen (wie die „FAZ“ betont) Untertitel, „Erinnerungen und Gedanken. Materialien zur Geschichte meiner Zeit“ des jüdischen Historikers Simon Dubnow erschienen ist. Das Buch umfasse die Jahre 1860 bis 1903. Zwei weitere Bände, die bis ins Jahr 1933 reichten, würden folgen. Dubnow, Sohn eines Holzfällers in einer weißrussischen Kreisstadt, lebte in einem „sogenannten jüdischen Ansiedlungsrayon“. Er wurde 1941 im Rigaer Ghetto im Alter von 81 Jahren ermordet. In dem vorliegenden Buch stehe aber nicht die Person des Historikers im Vordergrund, sondern die „Ereignisse, mit denen er zu leben, gegen die er zu kämpfen hatte.“ Was Dubnow gesucht habe, sei das „Kosmopolitische“ gewesen. Das zeige sich unter anderem darin, dass er das Gelübde abgelegt habe „ausschließlich nur noch russisch zu sprechen, ohne ein einziges jiddisches Wort zu verwenden.“ Er habe mit den alten Göttern gebrochen; und der neue Gott Dubnows war die jüdische Geschichte“. Das Buch sei ein „einzigartiges Dokument zur Geschichte der Juden in Osteuropa und zur wissenschaftlichen Erforschung des Werks von Dubnow“, urteilt die „FAZ“. Es sei ein „großer Gewinn für die Wissenschaft des Judentums und die europäische Geschichtswissenschaft.“ (ann/nau/app)

Literaturangaben:

 
© Die Berliner Literaturkritik, 2002–2005
Die Berliner Literaturkritik