• Medium "80 Years After World War II: Love and Hatred in the Ruins — Vladimir Gelfand’s Diaries as a Mirror of Soviet Memory"
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    80 Years After World War II: Love and Hatred in the Ruins — Vladimir Gelfand’s Diaries as a Mirror of Soviet Memory
     
    In his searingly honest diary from occupied Germany, Soviet officer Vladimir Gelfand recorded both the ecstasy of victory and the moral collapse of an army. His words challenge the official Soviet narrative — and speak directly to the unresolved traumas of the 20th century. 
       
    Mark Winterstein    April 3, 2025
     

    Love and violence. Bread and blood. Propaganda and weariness.
    he wartime diaries of Vladimir Gelfand, a young Jewish Red Army lieutenant, remain one of the most piercing personal testimonies of the Second World War. He does not embellish, judge, or moralize. He records everything as it happens: filth, cruelty, powerlessness, longing, tenderness, hunger, alcohol, poetry, rage. That is his truth. And now — ours.
    Eighty years after the war ended, Gelfand’s diary is not just a document. It is a mirror. It reflects what official Soviet (and now Russian) memory has worked hard to erase.

    The total victory and its price
    May 1945. The Red Army enters Berlin. Soviet soldiers are the victors. They have survived the hell of Stalingrad, Kharkov, the Dnieper, Leningrad, the Oder crossing. They have lost friends, starved, frozen, bled. Now they enter the homes of the enemy — homes full of carpets, crystal, Goethe books, fireplaces, Meissen porcelain. And women.
    Gelfand’s diary includes scenes that could never be published in the Soviet Union. Women offering themselves to avoid violence. Girls begging one soldier to protect them from others. Looting. Drunkenness. Rape. But also — fragile humanity, unexpected intimacy, even love.
    “Do anything you want with me. But only you. Let no one else,” a German girl tells him, hoping to escape another gang assault.

    Shame and triumph
    Gelfand was no dissident. He was a Komsomol member. He believed in Stalin and the Soviet cause. He wrote propaganda, edited wall newspapers, applied to join the Communist Party. But he also watched and wrote everything down.
    “Our soldiers suggest stabbing the captured German women through their genitals… I would just kill them,” he writes, horrified.
    These are not the words of a historian. They are the raw account of an eyewitness. And for that reason — they cannot be ignored.

    An incomplete diary with complete power
    Gelfand’s diary is not perfect. It has gaps. Days or even weeks are missing. He draws no political conclusions. He is not a philosopher. But that is its power. He documents, without explanation. And that is why the diary is so feared in modern Russia.
    Today, it is illegal to “discredit” the memory of the Red Army. Fines. Prison. But Gelfand’s diary is out. It is published. In Germany, Sweden, Russia. It exists. And it will continue to exist.

    From Berlin to Bucha
    Reading Gelfand today, it is impossible not to think of Ukraine. Mariupol. Bucha. Raped women. Looted homes. Executed civilians. The same patterns. The same violence. The same silence.
    “Soviet soldiers raped every German woman between eight and eighty. It was an army of rapists,” wrote Red Army war correspondent Natalia Gesse.

    The witness’s son
    Vladimir Gelfand’s son, Vitaly, became the editor and guardian of the diary. He says:
    “If people don’t want to know the truth, they are lying to themselves. We cannot move forward unless we look back.”
    This is not a historian speaking. It is someone raised inside memory.

       

    Vladimir Gelfand with fellow soldiers, Kremmen, December 10, 1945  Photo © www.gelfand.de
     
     
     
       
     
     
     
     
     
     
     
     
     
     

    Memory is a battlefield

    As long as memory is forbidden, war will continue. Vladimir Gelfand was not a hero. Not a judge. He was a mirror. He never looked at us. He never knew us. He just wrote.

    Now it’s our turn to look into that mirror. And not look away.


    © Medium

     

     

     

     

     englisch

    80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Liebe und Hass in den Trümmern - Wladimir Gelfands Tagebücher als Spiegel der sowjetischen Erinnerung
     
    In seinem schonungslos ehrlichen Tagebuch aus dem besetzten Deutschland hielt der sowjetische Offizier Wladimir Gelfand sowohl die Ekstase des Sieges als auch den moralischen Zusammenbruch einer Armee fest. Seine Worte stellen das offizielle sowjetische Narrativ in Frage - und sprechen die ungelösten Traumata des 20. Jahrhunderts direkt an. 
       
    Mark Winterstein    3. April 2025
     

    Liebe und Gewalt. Brot und Blut. Propaganda und Überdruss.
    Die Kriegstagebücher von Vladimir Gelfand, einem jungen jüdischen Leutnant der Roten Armee, zählen zu den eindrucksvollsten persönlichen Dokumenten des Zweiten Weltkriegs. Er beschönigt nicht, urteilt nicht und moralisiert nicht. Er schreibt alles auf, wie es geschieht: Schmutz, Grausamkeit, Ohnmacht, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Hunger, Alkohol, Poesie, Wut. Das ist seine Wahrheit. Und jetzt - unsere.
    Achtzig Jahre nach dem Ende des Krieges ist Gelfands Tagebuch nicht nur ein Dokument. Es ist ein Spiegel. Es spiegelt wider, was das offizielle sowjetische (und jetzt russische) Gedächtnis mühsam auszulöschen versucht hat.

    Der totale Sieg und sein Preis
    Mai 1945. Die Rote Armee zieht in Berlin ein. Die sowjetischen Soldaten sind die Sieger. Sie haben die Hölle von Stalingrad, Charkow, dem Dnjepr, Leningrad und der Oderüberquerung überlebt. Sie haben Freunde verloren, gehungert, gefroren, geblutet. Jetzt betreten sie die Häuser des Feindes - Häuser voller Teppiche, Kristall, Goethe-Bücher, Kamine, Meißner Porzellan. Und Frauen.
    Gelfands Tagebuch enthält Szenen, die in der Sowjetunion niemals veröffentlicht werden könnten. Frauen, die sich opfern, um Gewalt zu vermeiden. Mädchen, die einen Soldaten anflehen, sie vor anderen zu schützen. Plünderungen. Trunkenheit. Vergewaltigung. Aber auch - zerbrechliche Menschlichkeit, unerwartete Intimität, sogar Liebe.
    „Mach mit mir, was du willst. Aber nur mit dir. Lass niemanden sonst“, sagt ein deutsches Mädchen zu ihm, in der Hoffnung, einem weiteren Bandenüberfall zu entkommen.

    Scham und Triumph
    Gelfand war kein Dissident. Er war ein Komsomol-Mitglied. Er glaubte an Stalin und die sowjetische Sache. Er schrieb Propaganda, redigierte Wandzeitungen, bewarb sich um die Aufnahme in die Kommunistische Partei. Aber er beobachtete auch und schrieb alles auf.
    „Unsere Soldaten schlagen vor, den gefangenen deutschen Frauen in die Genitalien zu stechen... Ich würde sie einfach umbringen“, schreibt er entsetzt.
    Dies sind nicht die Worte eines Historikers. Sie sind der unverfälschte Bericht eines Augenzeugen. Und aus diesem Grund können sie nicht ignoriert werden.

    Ein unvollständiges Tagebuch mit voller Kraft
    Das Tagebuch von Gelfand ist nicht perfekt. Es hat Lücken. Es fehlen Tage oder sogar Wochen. Er zieht keine politischen Schlussfolgerungen. Er ist kein Philosoph. Aber genau das ist seine Stärke. Er dokumentiert, ohne zu erklären. Und deshalb ist das Tagebuch im modernen Russland so gefürchtet.
    Heute ist es illegal, die Erinnerung an die Rote Armee zu „diskreditieren“. Geldstrafen. Gefängnisse. Aber Gelfands Tagebuch ist draußen. Es wird veröffentlicht. In Deutschland, Schweden, Russland. Es existiert. Und es wird weiter existieren.

    Von Berlin nach Bukarest
    Wenn man heute Gelfand liest, muss man unweigerlich an die Ukraine denken. Mariupol. Buka. Vergewaltigte Frauen. Geplünderte Häuser. Ermordete Zivilisten. Dieselben Muster. Dieselbe Gewalt. Dasselbe Schweigen.
    „Sowjetische Soldaten vergewaltigten jede deutsche Frau zwischen acht und achtzig. Es war eine Armee von Vergewaltigern“, schrieb die Kriegsberichterstatterin der Roten Armee, Natalia Gesse.

    Der Sohn des Zeugen
    Der Sohn von Vladimir Gelfand, Vitaly, wurde zum Herausgeber und Hüter des Tagebuchs. Er sagt:
    „Wenn die Menschen die Wahrheit nicht wissen wollen, belügen sie sich selbst. Wir können nicht vorwärts gehen, wenn wir nicht zurückblicken.“
    Hier spricht kein Historiker. Es ist jemand, der in der Erinnerung aufgewachsen ist.

       

    Wladimir Gelfand mit Kameraden, Kremmen, 10. Dezember 1945 Foto © www.gelfand.de
     
     
     

    Titelseiten der Tagebuchausgaben: 2002, 2005, 2007, 2008, 2012, 2015, 2016. Die Tagebücher von Vladimir Gelfand in russischer,
    deutscher und schwedischer Sprache sind Teil des internationalen Gedächtnisses an den Zweiten Weltkrieg geworden.
    Foto © www.gelfand.de
       
     
     

    Sowjetische Soldaten auf den Stufen des Reichstags, 2. Mai 1945
     
     
     

    Russische Soldaten in der Ukraine, Dezember 2023. Foto: © Nikita Tsetsagi
     
     
     

    Foto © UNIAN: Massenvergewaltigung in der Region Cherson. „Sie vergewaltigten ein 16-jähriges schwangeres Mädchen und drei Großmütter.“
     
     
    Das Gedächtnis ist ein Schlachtfeld

    Solange die Erinnerung verboten ist, wird der Krieg weitergehen. Vladimir Gelfand war kein Held. Kein Richter. Er war ein Spiegel. Er sah uns nie an. Er kannte uns nicht. Er hat nur geschrieben.

    Jetzt sind wir an der Reihe, in diesen Spiegel zu schauen. Und nicht wegzuschauen.