• Stefan Creuzberger "Das deutsch-russische Jahrhundert: Geschichte einer besonderen Beziehung"
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    Deutschland und Russland – es gibt kaum andere Staaten auf der Welt, deren Beziehungen während der vergangenen einhundert Jahre auch nur annähernd so nachhaltig durch Revolution und Umbruch, durch Terror und Gewalt sowie Abgrenzung und Verständigung geprägt worden sind. Diese drei gemeinsamen Wirklichkeiten bestimmten immer wieder das Weltgeschehen und wirken bis in die Gegenwart. Das gilt umso mehr, als es aktuell um das bilaterale Verhältnis insgesamt nicht gut steht. Das wirft die Frage auf: Was nun, deutsch-russisches Jahrhundert?
    Stefan Creuzberger erzählt die spannungsreiche Geschichte einer von dramatischen Zäsuren, Wechselwirkungen und Veränderungen bewegten Epoche. Mehr noch: Seine Darstellung will historisch interessierte Leserinnen und Leser für ein einfühlsames Verstehen der mitunter verwickelten Gesamtzusammenhänge einer faszinierenden Beziehungsgeschichte von Deutschen und Russen gewinnen.


      
     

     
    Stefan Creuzberger, geboren 1961 in Calw, ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Rostock und Leiter der Forschungs- und Dokumentationsstelle des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Geschichte der Diktaturen in Deutschland. Er publiziert zur deutschen und russischen Geschichte im 20. Jahrhundert und ist u. a. Mitherausgeber der Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland (AAPD) sowie Mitglied der Gemeinsamen Deutsch-Russischen Geschichtskommission.


    Produktinformation

    • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt Buchverlag; 2. Edition (22. März 2022)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 672 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3498047035
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3498047030
    • Abmessungen ‏ : ‎ 15.2 x 4.82 x 22 cm

     


    Produktinformation

    • ASIN ‏ : ‎ B09LTXR5B4
    • Herausgeber ‏ : ‎ Rowohlt E-Book; 1. Edition (22. März 2022)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Dateigröße ‏ : ‎ 19807 KB
    • Text-to-Speech (Vorlesemodus) ‏ : ‎ Aktiviert
    • Screenreader ‏ : ‎ Unterstützt
    • Verbesserter Schriftsatz ‏ : ‎ Aktiviert
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    • Haftnotizen ‏ : ‎ Auf Kindle Scribe
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 619 Seiten
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    Sieger und Besiegte. Flucht, Vertreibung und stalinistischer Terror in der SBZ/DDR

     

    «Das Schloß eines deutschen Magnaten», vermerkte der 22-jährige Leutnant Wladimir Gelfand aufgewühlt am 18. April 1945 in seinem Kriegstagebuch. «Welche Pracht und was für ein Luxus!», brach es frei aus ihm heraus, womit er die Gefühlslage stellvertretend für viele seiner damaligen Frontkameraden traf: «Man kann sich nur schwer vorstellen, daß hier ein einziger Mensch gelebt hat, dem dies alles gehörte. Von jetzt an gehört es übrigens uns, jetzt ist alles sowjetisch, und ich empfinde heute voller Freude, wie großartig unser Sieg ist.»[1]

    Bis dahin standen Gelfands Granatwerferzug allerdings noch knapp zwei Wochen verlustreicher Kämpfe bevor. Die letzte blutige Schlacht um die Reichshauptstadt Berlin tobte bereits seit zwei Tagen. Sie endete am 2. Mai 1945 für die Rote Armee im Siegesrausch. Zuvor hatten ihre Spitzen die Reichstagsruine erstürmt und mit dem roten Banner das Symbol der glorreichen Sowjetmacht auf das Dach des einstigen deutschen Parlaments gesetzt. Der Kriegsfotograf Jewgenij Chaldej hielt diesen bewegenden Moment in einer spektakulären Aufnahme fest. Doch anders als suggeriert dokumentierte er nicht die letzten Augenblicke des untergehenden «Dritten Reiches». Chaldej hatte vielmehr die Fotografie nach den Kampfhandlungen eigens inszeniert, im Entwicklungslabor der Moskauer Nachrichtenagentur TASS mit spezieller Dramatik versehen, entsprechend retuschiert, und dann erst war die Ikone des sowjetischen Sieges über Hitler-Deutschland fertig, die kurz darauf über die internationalen Bildagenturen um die gesamte Welt ging.[2].


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    In eklatantem Widerspruch zu derartigen Schutzmaßnahmen, vor allem aber zur Befreier-Mission, die sich die Rote Armee in den letzten Kriegstagen selbst verordnet hatte, standen die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen. Hier ereigneten sich Exzesse, die nicht allein aus lang gehegter Wut begangen wurden. Oft kamen sie erst spontan unter erheblichem Alkoholeinfluss zustande. Dabei machten sich weniger die Sturmtruppen der Angriffswellen solcher Vergehen schuldig. Die enorme Vormarschgeschwindigkeit während der militärischen Operationen ließ ihnen kaum mehr Möglichkeiten, als die legendären Uhren deutscher Zivilisten hastig «einzusammeln». Meist waren es deshalb die nachrückenden Schützenverbände, die im Zuge der Frontabsicherung und Säuberung des eroberten Geländes von feindlichen Elementen überhaupt Zeit für solche sexuellen Gewaltverbrechen fanden.[17]

    Ungehemmt wüteten die Täter. Ganze Trupps und Züge machten regelrecht Jagd auf Frauen. Vielfach bedrängten sie ihre hilflosen Opfer mit vorgehaltener Waffe in der Hand und ignorierten dabei jegliche Altersgrenzen, wenn sie sich an diesen vergingen. Ebenso erging es Polinnen während des Schlesienfeldzuges, sogar einst verschleppte sowjetische Zwangsarbeiterinnen waren nicht gefeit davor. Doch der eigentliche Terror richtete sich gegen Deutsche. Immer wieder kam es vor, dass Mütter sich schützend vor ihre Töchter stellten. Sie boten sich selbst den marodierenden Sowjetsoldaten an, um ihren Mädchen ein schlimmes Schicksal zu ersparen. Frauen wurden darüber hinaus vor den Augen ihrer Familienangehörigen in aller Öffentlichkeit geschändet, häufig mehrfach. Sofern Ehemänner oder Väter das grausige Treiben zu verhindern suchten, riskierten sie, von den Peinigern kurzerhand erschossen zu werden.[18]

    Um der anhaltenden Gefahr von Mehrfachvergewaltigungen möglichst zu entgehen, suchten vor allem junge Frauen in ihrer Verzweiflung immer wieder nach dauerhaften Partnerschaften mit Rotarmisten. Dabei kam es bisweilen zu dramatischen Szenen, wie Leutnant Wladimir Gelfand sich erinnerte. Ein mehrfach in Gegenwart ihrer Mutter missbrauchtes Mädchen flehte ihn schutzsuchend an: «‹Bleib hier!› bedrängte [sie] mich […] plötzlich, ‹du wirst mit mir schlafen. Du kannst mit mir machen, was du willst, doch nur du allein! Ich bin bereit, mit dir […], zu allem bereit, was du willst, nur rette mich vor all diesen Männern mit diesem Sch…!› Sie zeigte alles, sprach über alles, und nicht, weil sie vulgär war. Ihr Kummer und ihr Leid waren stärker als ihre Scham und ihre Schüchternheit, und jetzt war sie bereit, sich vor den Leuten ganz auszuziehen, nur damit man ihren gequälten Körper nicht anrühren möge, einen Körper, der noch etliche Jahre hätte unberührt bleiben können […].»[19] 

    Obwohl Vergewaltigung und Plünderei seit den letzten Kriegstagen, spätestens aber nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8./9. Mai 1945 als militärische Disziplinlosigkeit geahndet werden sollten – auf derartige Vergehen stand bisweilen Exekution oder öffentliches Auspeitschen –, hielten es die Vorgesetzten in dieser Hinsicht nicht immer genau. Sie brachten den Delinquenten vielmehr Verständnis entgegen. Denn immerhin bewegte man sich im Feindesland, auch wenn es in der Selbstwahrnehmung nunmehr befreit worden war. Selbst die zuständige Geheimpolizei übte sich in solchen Situationen anfänglich meist in Zurückhaltung. Die Szenerie der letzten Kriegstage kannte aber auch andere Alltagssituationen, wenngleich diese eher die Ausnahme blieben: Da gab es mitfühlende, des sinnlosen Mordens überdrüssig gewordene Rotarmisten. Sie suchten das Ausmaß der Ausschreitungen und Übergriffe einzugrenzen, bewahrten Frauen und Kinder vor Racheakten, steckten diesen sogar Lebensmittel zu und setzten dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel. Zumindest liefen sie stets Gefahr, vom sowjetischen Geheimdienst NKWD des Mitleids mit dem Feind bezichtigt zu werden, was zum Beispiel Lew Kopelew oder Alexander Solschenizyn langjährige Lagerhaft einbrachte.[20]

    Den meisten Deutschen im Osten oder in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) blieben allerdings weniger die kleinen humanitären Gesten couragierter Sowjetsoldaten in dauerhafter Erinnerung. Vielmehr dominierten die Schreckenserlebnisse der weiblichen Zivilbevölkerung das Bewusstsein der Besiegten, was aber die Betroffenen aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung verdrängten. Öffentlich darüber zu reden, war politisch unerwünscht. Vor allem in der SBZ konnten und wollten die deutschen Kommunisten, die nun mit nachhaltiger Unterstützung der UdSSR eine neue politische Ordnung aufbauten, das Verhältnis zur Besatzungsmacht nicht belasten oder diese gar kompromittieren. Zumindest die aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten Führungskader der KPD zögerten und suchten die Übergriffe von Rotarmisten mit den deutschen Verbrechen in der UdSSR zu relativieren. Da die Partei zugleich aber auch um die Sympathien deutscher Wähler rang, steckte sie in erheblichen Erklärungsnöten. Und so bevorzugte sie eher das Beschweigen.[21]

    Das galt umso mehr, als die Opferbilanz außerordentlich hoch war. Selbst Frauen von Kommunisten gehörten zu den sexuell Gepeinigten. Allein in Berlin wurden zwischen Frühjahr und Herbst 1945 – bezogen auf etwa 1,4 Millionen Einwohnerinnen – mindestens 110000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, bis zu 40 Prozent von ihnen sogar mehrfach. Rund 10000 Personen bezahlten die sexuellen Gewaltakte mit dem Leben. Sie starben an den Folgen der Misshandlungen oder an Geschlechtskrankheiten, mit denen sie infiziert worden waren. Rund 20 Prozent der Vergewaltigten wurden schwanger, von denen etwa 90 Prozent eine Abtreibung vornehmen ließen. In vielen Fällen geschah dies unprofessionell ohne ausreichende medizinische Hilfe. Häufig nahmen die Betroffenen diese sogar selbst vor, was ebenfalls die Todesrate in die Höhe trieb. Immer wieder sahen verzweifelte, seelisch traumatisierte und körperlich erkrankte Vergewaltigungsopfer nur den Ausweg, sich der empfundenen Schande durch Selbstmord zu entziehen.

    Dies sind lediglich Zahlen und Schätzungen für die eroberte Reichshauptstadt. Bezogen auf die übrige SBZ sowie die Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße, gehen die Annahmen von ungefähr 1,9 Millionen missbrauchten Frauen und Mädchen aus. Davon lebten allein etwa 500000 in der sowjetischen Okkupationszone. Freilich wird sich das gesamte Ausmaß sexualisierter Gewaltverbrechen zahlenmäßig kaum mehr exakt rekonstruieren lassen.[22]

    Das gilt nicht minder für die Motive, die sowjetische Soldaten zu solchen Taten bewogen. In ihren Feldpostbriefen jedenfalls schwiegen sie sich darüber in der Regel aus. Der Zwang zu «sexueller Enthaltsamkeit», verschärft durch die Tatsache, dass die Truppe während des Krieges kaum in den Genuss eines Fronturlaubs kam, kann freilich kaum ausreichend erklären, weshalb sie sich mit der Eroberung deutschen Territoriums in dieser Hinsicht exzessiv auslebte. Das Bild vom generell «sexuell ausgehungerten Russen» griff in diesem Zusammenhang insbesondere die NS-Propaganda gerne während der letzten Abwehrkämpfe auf, angereichert mit rassistischen Kommentaren. Bisweilen argumentierten Rotarmisten ähnlich. Das war vor allem dann der Fall, wenn sie die Vergewaltigungsdelikte allein als Affekttaten während des ungebremsten Siegestaumels zu rechtfertigen suchten.

    So vielschichtig die Ursachen dieser Untaten insgesamt auch waren, bei dem Versuch, hinlänglich Antworten darauf zu finden, wird man auch um sozialpsychologische Erklärungen nicht herumkommen. Die in patriarchalischen Gesellschaftsverhältnissen und oft im Geiste hegemonialer Männlichkeit sozialisierten Eroberer betrachteten Vergewaltigungen gemeinhin als ein ureigenes Siegerrecht. Sexueller Missbrauch war zugleich Ausdruck einer rituellen Gewaltbefriedigung und ein Akt grenzenloser Machtdemonstration. Die Frauen des Feindes wurden nicht nur entehrt, sondern zugleich deren Männer ganz bewusst in höchstem Maße gedemütigt, weil sie ihrer klassischen Schutzaufgabe nicht mehr gerecht werden konnten.

    Dabei empfanden es viele Sowjetsoldaten als besondere Genugtuung, dass all dies nun den einstigen deutschen Invasoren widerfuhr. Denn sie hatten sich in der Sowjetunion seinerzeit als arrogante «Herrenmenschen» geriert und in weltanschaulicher Überlegenheitsattitüde tagtäglich sogenannte slawische Untermenschen rücksichtslos terrorisiert oder grausam ermordet. Nun schlug die Stunde der einst Stigmatisierten. Sie revanchierten sich dafür, dass Angehörige der Wehrmacht und SS trotz des Verbots der «Rassenhygiene» kaum minder brutal, wenngleich nicht in demselben Ausmaß sexuelle Missbrauchsverbrechen in den ehemals besetzten Gebieten der UdSSR begangen hatten.[23] Für das künftige Verhältnis von Befreiern und – angeblich – Befreiten verhieß all dies nichts Gutes. Fortan jedenfalls trennte Russen und Deutsche für lange Zeit eine schwere, nahezu unüberwindbare Kluft der Erinnerung.




    S. 528 Gelfand, Wladimir: Deutschland-Tagebuch 1945–1946 Personenregister
    S. 600 Gelfand, Wladimir Anmerkungen
    S. 707 Gelfand, Tagebuch, S. 77 (Zitate). Anmerkungen
    S. 707 S. 354–356. – Gelfand, Tagebuch, S. 29. Anmerkungen
    S. 709 Gelfand, Tagebuch, S. 79–80 (Zitat).

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