• Militaergeschichtliche Zeitschrift "Buchbesprechungen"











  • Veröffentlicht von Oldenbourg Wissenschaftsverlag 8. Januar 2014
     
     
     
     

    BUCHBESPRECHUNGEN

     
     
     
    Wladimir  Gelfand,  Deutschland-Tagebuch  1945-1946. Aufzeichnungen  eines  Rotarmisten. 
    Aus dem  Russ.  von Anja Lutter und  Hartmut  Schröder. 
    Aus-gew.  und  komm,  von  Elke  Scherstjanoi, 
    Berlin:  Aufbau-Verl.  2005,  357  S.,  EUR 22,90  [ISBN  3-351-02596-3]
     
     
     
     
    Die  Soldaten  der  Roten  Armee  wurden  1945  in  Deutschland  nicht  als  Befreier  begrüßt. Viele Deutsche erlebten die Rotarmisten als zügellose Soldateska, die sich an Frauen vergingen, mordeten und plünderten. Diese Erfahrungen haben das Bild von  den  sowjetischen  Streitkräften  im  Bewusstsein  der  deutschen  Öffentlichkeit  nachhaltig  geprägt. 

    Wie sah es aber in diesen Menschen aus, die im Frühjahr 1945 nach  Deutschland  kamen?  Waren  es ideologisch  geprägte  Soldaten,  waren  sie davon  beseelt,  Rache  zu  nehmen  für  die  Verbrechen,  die  Deutsche  in  ihrem  Land  zwischen  1941  und  1944 verübt  hatten? 

    Der Aufbau-Verlag  legt nun die Tagebücher  eines russischen Offiziers vor, der 1945/46  in der Umgebung  Berlins  stationiert  war. Die Aufzeichnungen  Wladimir  Gelfands beginnen im Januar 1945 mit der russischen Offensive an der Weichsel und enden im September  1946. Eingeleitet  und abschließend  kommentiert  werden  sie  von Elke Scherstjanoi, die in ihrem Schlussessay  kurz das weitere Leben von  Gel-fand skizziert. Zu Beginn verspricht sie: »So weit konnten wir noch nie in die Gedan-kenwelt  eines Siegers vordringen«.  (S.  11) 

    Was also erwartet uns? Wer nun auf Reflexionen über den Krieg, die Deutschen und den Nationalsozialismus  gespannt ist, wird enttäuscht sein. In den  Aufzeich-nungen  geht  es  um  die  Überlebensängste  eines  jungen  Offiziers  in  den  ersten  Wochen  des Jahres  1945. Nach  der Kapitulation der Wehrmacht stehen die  Sorgen  und Nöte des jungen Leutnants im Vordergrund und manchmal drängte sich dem Rezensenten beim Lesen  der Untertitel  »Die Leiden  des jungen Gelfand  auf«.  Der  Leutnant hat bei seinen Offizierkameraden  keinen leichten Stand. Er ist nicht gerade ein  Mustersoldat,  obwohl  er  sich  freiwillig  gemeldet  hat  und  1942  verwundet  worden  ist.  Als  seine  eigentliche  Berufung  empfindet  er  die  Schriftstellerei.  Die  Tagebuchnotizen sind als Vorstufe für einen Roman gedacht, den er nach dem Krieg schreiben  will. 

    Das Bild, das er von der Truppe in den ersten Monaten des Jahres  1945 zeichnet, ist nicht unbedingt  neu:  Er erlebt  Vorgesetzte, die ihre Angst  vor dem  Einsatz  im Alkohol ertränken, und  Offiziere, die nicht in der Lage sind, die Disziplin aufrecht zu    erhalten.  Gelfand  ist angewidert  von den  Kriegsverbrechen.  Aber  gleichzeitig  vertritt er die Ansicht, dass die Deutschen für den furchtbaren Krieg, den sie  1941  entfesselt haben, bezahlen  müssen. 

    Am 9. Mai 1945 ist alles vorbei: Die Wehrmacht hat kapituliert und  aus Gelfand ist     ein  Sieger  geworden.  Und  nun  entdeckt  er, dass  das  Leben auch  angenehme  Seiten hat. Gelfand sieht gut aus, ist lebenslustig und wenn er sich im Umgang  mit  dem anderen Geschlecht auch nicht immer leicht tut, so erlebt er doch sein  >Frollein-Wunder<.  Dabei  bleibt  er  prinzipienfest:  »Mit  den  deutschen  Frauen  stimme  ich  ideologisch und  moralisch nicht überein«, heißt  es am  18. Juli  1945 in seinen Auf-zeichnungen  (S. 111).

    Die Aufzeichnungen  belegen  auch, wie schwer  sich die  Rote Armee  mit  der  Umstellung von einer kämpfenden Truppe zu einer Besatzungsstreitmacht  tut. Die Disziplin verfällt und  der sowjetische Oberbefehlshaber, Marschall Shukow,  muss  harte Befehle erlassen, damit  es nicht zu  weiteren  Entgleisungen  kommt. Gelfand billigt dies, da er ansonsten befürchtet, dass das Verhalten mancher Rotarmisten  dem  Ansehen der  russischen Streitkräfte schadet.

    Am Schluss wirft Elke Scherstjanoi noch einen Blick auf das weitere Leben  von  Wladimir Gelfand. Nach seiner Rückkehr und der Entlassung aus der Armee holte Gelfand das Abitur nach und  studierte Literatur an der Universität Molotow.  1952  machte er Examen und  wurde  Lehrer an einer  Fachschule für Eisenbahner.  Bis zu seinem  Tod im Jahr  1983 unterrichtete  er an  Berufsschulen. 

    Was sagen  uns  die  Aufzeichnungen  des jungen  Russen?  Die  Herausgeberin  muss aufgrund fehlender Vergleichsquellen die Frage offen lassen, ob die Notizen des Wladimir Gelfand repräsentativ oder singulär sind. Sie hebt hervor, dass Gelfand trotz  seines  intensiven  Kontaktes zu  den  Deutschen  »wenig  Mitgefühl«  gezeigt  habe  (S. 333). Neue  Einblicke eröffnet uns  das  Buch  nicht.  Doch  es macht  eines  deutlich:  Es gab  in der  Roten  Armee  auch  Soldaten,  die beim  allem Hass  auf  die  Deutschen Vergewaltigungen  und  Plünderungen  ablehnten. Genauso wenig,  wie  man  die Soldaten  der  Wehrmacht  generell zu  Verbrechern  abstempeln  kann,  ge-nauso  wenig  ist ein solches Urteil über  die  Soldaten  der  Rote Armee  angebracht.  Letztlich waren  es  >ganz normale junge  Männer<, die froh waren, jenem  mörderi-schen Krieg entronnen zu sein, den die deutsche Seite mit ihrem Angriff  auf  Russ-land  am  22. Juni  1941 entfacht hatte.  So kann das  Buch vielleicht  dazu  beitragen,  Vorurteile gegenüber  unserem  östlichen Nachbarn  abzubauen.   

    Axel Kellmann

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