• De Gruyter Oldenbourg "Erinnerung an Diktatur und Krieg. Brennpunkte des kulturellen Gedächtnisses zwischen Russland und Deutschland seit 1945"
  • Elke Scherstjanoi "Erinnerungen sowjetischer Besatzungssoldaten an den ostdeutschen Nachkriegsalltag 1945–1949"                                                                               
  •          
          Diktatur und Krieg verbinden die historische Erinnerung in Russland und Deutschland und trennen sie zugleich. 29 deutsche und russische Autoren erschließen zentrale Brennpunkte der russischen und deutschen Erinnerungskultur und ihrer traumatischen Dimensionen. Behandelt werden - aus je zweifacher Perspektive - "klassische" Erinnerungsorte wie etwa Stalingrad, ferner spezifische "Gruppengedächtnisse", Probleme historischer Orte und Aspekte der filmischen Auseinandersetzung mit der Geschichte des deutsch-sowjetischen Kriegs. Der Band ist das Ergebnis einer insgesamt viertägigen Konferenz, die in der Akademie der Wissenschaften in Moskau und im Institut für Zeitgeschichte in München stattgefunden hat.





    • Herausgeber: ‎ De Gruyter Oldenbourg; 1. Edition (26. Juni 2015)
    • Sprache: ‎ Deutsch
    • Gebundene Ausgabe‏: ‎ 400 Seiten
    • ISBN-10: ‎ 3110404761
    • ISBN-13: ‎ 978-3110404760
    • Abmessungen: ‎ 16.3 x 2.4 x 24 cm
    • Kindle: 54,95 €
    • Gebundenes Buch: 54,95 €

       
    Veröffentlicht von De Gruyter Oldenbourg 2015
     
     

    Erinnerungen sowjetischer Besatzungssoldaten an den ostdeutschen Nachkriegsalltag 1945–1949

         
    Elke Scherstjanoi
     

    In Russland haben neue Themen das öffentliche Gedächtnis an den Krieg erfasst. Themen wie die Schicksale von Ostarbeitern, Kriegsgefangenen und Angehörigen von Strafeinheiten erschüttern die traditionell-patriotische Rückschau, deren iden- titätsstiftender Kern nach wie vor der Gedanke an die Opfer und den Sieg im Gro- ßen Vaterländischen Krieg gegen Deutschland ist. Doch obgleich Korrekturen am lange dominierenden Geschichtsbild zweifellos nötig sind und es weithin aner- kannte Beweggründe gibt, zum Beispiel einzelne Entscheidungen sowjetischer Militärs kritisch zu bewerten, die Haltung des sowjetischen Staates zur Masse an „lebendigem Kriegsgerät“ zu verurteilen, die Perspektive des individuellen Erleb- nisses komplexer zu erschließen und letztlich viele Geschichtsbilder zuzulassen – ein ganz wesentlicher Unterschied sowjetischer und postsowjetischer Erinnerung zur deutschen Erinnerung an den Krieg wird immer bleiben: Rotarmisten, ihre Zeitgenossen und ihre Nachkommen dürfen die Kriegsopfer und den Sieg als eine weltweit geschätzte und umjubelte Leistung im Gedächtnis bewahren.

    In dieses kommunikative Gedächtnis an den Krieg hatte die unmittelbare Nach- kriegszeit als entbehrungsreiche Rückkehr in einen friedlichen Alltag früh Eingang gefunden. Es fällt aber auf, dass der Erinnerungstopos Nachkriegsdeutschland für die Sieger bald schon weitgehend ins Dunkel geriet. Während der Siegesrausch im öffentlichen Gedächtnis kultiviert wurde, sind Erinnerungen an die folgenden Ge- schehnisse im Besatzeralltag auf erobertem Gebiet als öffentlich geteilte Erfahrung bis heute sehr rar, obgleich diese Erfahrung als eine Massenerfahrung gelten kann.

    Bei denen, die keine eigenen Erlebnisse dort hatten, ist das Bild von der sowje- tischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) 1945 bis 1949 unter allen Topoi des kommunikativen Nachkriegsgedächtnisses besonders grob gerastert, politisch überzeichnet, klischeehaft. Regelrecht verkümmert scheint die Erinnerung aber auch bei den Akteuren von damals. Mögliche Ursachen für die „weißen Flecken“ sind verschiedentlich erörtert worden. Die Rolle der staatlichen Zensur betonend, erklärten sich Historiker das blasse, defizitäre öffentliche InSpracheSetzen dieser Erfahrung vor allem mit politischen Erwägungen der sowjetischen Führung und ihrer direkten Einflussnahme auf Medien und Kunst. Es wird argumentiert, es sei aus der Sicht der Herrschenden gefährlich gewesen, die Besatzererfahrung wach zu halten, denn es wären Erlebnisse mit offenen, kulturvollen, reichen Zivilisatio- nen gewesen, die die stalinistischen Strukturen in der UdSSR hätten in Frage stel- len können (These von den „Neodekabristen“).1 Diese These wird – direkt oder
     indirekt – von Forschern unterstützt, die das Kulturerlebnis der Besatzer als zent- rales Erlebnis „im Westen“ herausstellen.2 Dagegen sahen und sehen andere eher die Gefahr, ein ausuferndes Erinnern würde allzu kritischen Sichtweisen Vorschub leisten und vor allem die Ereignisse bei Kriegsende – während eines letzten Auf- flammens von Gewalt, insbesondere gegenüber deutschen Zivilisten – thematisie- ren; Positives würde ausgeblendet, und diese einseitige Reflexion wäre im Interes- se eines neuen deutsch-sowjetischen Verhältnisses zu unterbinden gewesen. Diese Meinung vertreten noch heute viele Kriegsveteranen in Russland.

    Wer die (ost)deutsche Literatur der Nachwendezeit in ihrem Bemühen um eine realistische öffentliche Erinnerung an Kriegsende und Nachkriegszeit verfolgt hat, wird nicht umhin können einzugestehen, wie schwierig eine ausgewogene Beur- teilung des sowjetischen Besatzers noch immer ist. Einseitiger, prosowjetischer Lobpreisung wurden – selbst in einigen wissenschaftlich ambitionierten Studien – nicht bloß eben anders einseitige, sondern gelegentlich auch bedenklich russopho- be Bilder mit argumentativen Anleihen aus NS-Arsenalen entgegengestellt.3 Wie die Publikationen von Silke Satjukow zeigen, ist dem kein noch so theorieschwe- rer kulturologischer Ansatz gewachsen, wenn er nicht zugleich soziologisch er- weitert wird und mit entsprechenden Quellen überzeugend umgesetzt werden kann.4
     
    Alte Memoiren – neue Forschungsfragen

    Für eine gemeinsame deutsch-russische Erinnerung ist diese Unterbelichtung der Besatzungszeit im sowjetischen und postsowjetischen Gedächtnis sehr bedauerlich. Die unmittelbare Nachkriegszeit war nämlich – auf der anderen, der deutschen Seite der Begegnung – für lange Zeit die Phase der intensivsten persönlichen Erfahrung mit Sowjetbürgern, zumindest für die damals in Mittel- und Ostdeutsch- land lebenden Deutschen. Die ersten Jahre der Besatzungsherrschaft brachten der SBZ eine an Intensität nie wieder erreichte Begegnung mit osteuropäisch-sowjeti- schen Kulturen, die zugleich eine ganz spezifische Begegnung zwischen ziviler und militärischer Lebenswelt war, zwischen Siegern und Besiegten. Zwischen 1945 und 1949 lebten in der SBZ einige Zigtausend Sowjetbürger regelrecht unter den Deutschen und mit den Deutschen.

    Die Geschichte der weitgehenden Ausblendung des sowjetischen Besatzererleb- nisses aus der öffentlichen Rückschau in der UdSSR und im heutigen Russland wäre eine eigene Studie wert, die auf Zensurregelungen und politische Maßgaben eingehen, ideologische Argumentationen und Selbstbeschränkungen, aber gewiss auch einen hinlänglich tradierten alltäglichen Umgang mit Auslandserlebnissen in Rechnung stellen müsste. Für eine solche Forschung sind die Voraussetzungen nicht gegeben. Hier sei fürs erste bei der Beobachtung angesetzt, dass, wie jüngste Zeitzeugenbefragungen belegen, vom eroberten und befreiten Deutschland doch einiges in der persönlichen Erinnerung der damaligen Besatzer gespeichert blieb.

    Da erstaunt zunächst die Präsenz von Namen kleinerer Städte und Flüsse, die genaue Beschreibung fremder Landschaften, Architektur und Infrastruktur. In der Regel wird beeindruckender materieller Wohlstand erinnert. Aufrufbar sind auf Anhieb fremde Alltagsgegenstände (Arbeitsmittel, Kleidungsstücke), Arbeits- kommandos, Grußformeln, Namen. Auch Exotisches blieb im Gedächtnis: „Gibt es in Deutschland noch dieses Gemüse mit Namen Kohlrabi?“, fragte mich 1979 ein 1946 bei Halle stationierter Soldat. 33 Jahre nach seiner Rückkehr auf die hei- matliche Krim war ich die erste Deutsche, die ihm begegnete. Derlei ist aus den Erinnerungen von Ostarbeitern bekannt, die in der Regel etwa gleichlang in Deutschland lebten – im einzelnen mit unterschiedlich großem Bewegungsfrei- raum, eben wie die sowjetischen Besatzer später. Wollte man jedoch nach kom- plexeren Bildern suchen, bedürfte es längerer Gespräche, die Fragen nach der eigenen Identität einschlössen: Als was für ein Land blieb Deutschland, als was für Menschen blieben die Deutschen in Erinnerung; was unterschied sie vom eigenen
    sowjetischen Dasein? Wie kam man miteinander aus?

    Die Untersuchung von persönlicher Besatzererfahrung, so wie sie sich in auto- biografischen Selbstzeugnissen widerspiegeln könnte, stößt an einen eklatanten Quellenmangel. Hauptursache ist die erwähnte Leerstelle in der sowjetischen Er- innerungskultur, die schriftlich publizierte Memoiren bis heute in einer über- schaubaren Anzahl hält.5 Sowjetische Memoiren über Erlebnisse in der Sowjeti- schen Besatzungszone (SBZ) fanden in der DDR größere Verbreitung als in der Sowjetunion selbst, das meiste in Zeitungen, Zeitschriften und Heimatheften. Sie untermauerten alle das legendäre Freundschaftsverhältnis des neu entstandenen Staatenbündnisses DDR-UdSSR. Aus mit der Besatzungsmacht geteilten politi- schen Erwägungen ließ die SED negative Bilder von „den Freunden“, wie sie umgangssprachlich und auch im politischen Alltagsdeutsch hießen, nicht zu. Ebenso wenig war es gelitten, zu berichten, dass der Aufenthalt im besetzten Land die heimatliche Bindung lockern konnte. Ab 1950 offiziell unter dem Symbol „Befrei- er“ zusammengefasst, waren Zivilisten und Militärs aus der Sowjetunion zuvor- derst als politische Abgesandte des Freundeslandes, als Helfer, Ratgeber und Kul- turvermittler in die Erzählung von der „unverbrüchlichen Freundschaft“ einge- baut. Den Befreier als Element einer gelenkten Rückschau weniger monumental, menschlich annehmbar zu gestalten, gab es vor allem in den siebziger Jahren in der DDR im Rahmen der offiziellen Vergangenheitsdeutung einige (nicht hinrei- chende) Unternehmungen. Solches Bemühen wurde in den achtziger Jahren ein- gestellt. Die zu diesem Zeitpunkt dem deutschen Leser erstmals präsentierten Memoiren namhafter „Kulturoffiziere“ 6 waren da bildungspolitisch in der DDR schon entbehrlich, und auch für die Zeitgeschichtsforschung boten sie faktisch wenig Neues.

    Den Niederungen des Besatzungsalltags schenkten sie ohnehin nicht die vom Sozialhistoriker gewünschte Beachtung. Solche Memoiren belegen ein individuel- les (genauer: ein politisch zensiertes individuelles) Gedächtnis politischer und geisteswissenschaftlicher Eliten, nicht aber das kollektive Gedächtnis „der Besat- zer“. Es waren einzelne vormalig höhere Offiziere und leitende SMAD-Funktionä- re, denen von der sowjetischen Führung erlaubt wurde, Erinnerungen zu publi- zieren.7 Kern der Erzählungen war der Gedanke an den gemeinsamen schweren Anfang, einen von kommunistischer Politik geführten Neubeginn im Osten Deutschlands, für den man ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten als Grundlage ansah; es sollte sich quasi aus dem kommunistisch- internationalistischen Verhältnis heraus auf die (ost)deutsche Gesellschaft aus- breiten. Bei den Motiven für solches Erinnern kann von einer Symbiose aus staat- lichem Bildungsauftrag und politischer Überzeugung ausgegangen werden, die bis in die Zeit nach 1991 hinein Früchte trug.8 Diese politische Aufgabe der Rück- schau wurde erst recht von jenen vormaligen Vertretern der SMAD mitgetragen, die in der Heimat die geisteswissenschaftlichen Paradigmen professionell mittru- gen (Alexander Dymšic, Sergej Tjulpanov, Aleksandr Galkin, Jakov Drabkin, Vadim Čubinskij, Jurij Bassistov). Der Charakter ihrer Memoiren war aber nicht ausschließlich ideologischen Vorgaben geschuldet. Die Kargheit kulturanthropo- logischer Aussagen in ihnen resultierte nicht unwesentlich aus den Grenzen des wissenschaftlichen Interesses in Zeiten, als „Alltag“ noch kein historiographischer Begriff war. Angesichts dessen verdienen es die wenigen alltagsgeschichtlich rele- vanten Bildfragmente in den Elite-Memoiren beachtet zu werden. Man traut ihnen nur nicht so recht und argwöhnt Beschönigung. Prinzipiell ist freilich jede Erinnerung an objektivierbarer anderer Überlieferung zu messen.
     
    Der historische Hintergrund, Dimensionen der  Begegnung
     
    Dafür bieten die Archive Material aus der Hinterlassenschaft der Besatzungsbe- hörde.9

    Für eine noch unbestimmte Zeit militärischer Besetzung hatte die östliche Sie- germacht im Sommer 1945 auf ihrem Besatzungsgebiet ein dichtes Netz von Kommandanturen installiert.10 Jede deutsche Gemeinde mit mehr als 5000 Ein- wohnern erhielt einen solchen Stützpunkt mit regulär 17 bis 40 Mitarbeitern. Er hatte eine eigene Schutztruppe, die unabhängig von den stationierten Armeen befehligt wurde. Während die 1945/46 zunächst rund 700 000 und später rund 350 000 Besatzungssoldaten in den Garnisonen für die allermeisten Deutschen ge- sichts- und namenlos blieben, standen die insgesamt 70 000–80 000 Soldaten und Mitarbeiter der Kommandanturen den Deutschen leibhaftig und sehr markant vor Augen. Sie hatten umgekehrt den direkten Blick auf die Deutschen: am Ein- gang und auf dem Gelände der Kommandantur, auf Patrouillen, an Schlagbäumen und auf Wachen, als marschierende Truppe in der Stadt, auf Rangierbahnhöfen, bei Zugkontrollen und Razzien, verhandelnd und inspizierend in Betrieben und Transportunternehmen, an Sammelstellen für Agrarprodukte, bei Räumungsein- sätzen, auf Polizeidienststellen. Außerhalb des Dienstes bewegten sie sich auf Stra- ßen, in Geschäften und Bierstuben, in Kinos, an Badestellen, in Parks und Sportsta- dien. Krankenhäuser und Sanatorien betrieben die Besatzer getrennt von deutschen Patienten, doch die Versorgung dort oblag deutschen Arbeitskräften. Wohnraum musste ihnen auf Verlangen freigemacht werden.

    Die Kommandanturen waren militärisch gesicherte Festungen im Stadtbild, zugleich wichtigste Behörden mit zunächst vielen bürokratischen Alleinkompe- tenzen. Sie stellten einen Objektschutz vor die zahlreichen Besatzungseinrichtungen, waren Ordnungshüter im Sinne von Ordnungs- und Kriminalpolizei. Sie waren anfangs auch Selbstversorgerinstitution, unterhielten Agrarbetriebe, Le- bensmittelverarbeitungsbetriebe und Lager. Ihre Mitarbeiter wiesen nicht nur Deutsche an und kontrollierten sie, sie waren bei Deutschen auch offiziell Mieter, Sprachschüler, Arbeit- und Auftraggeber, nicht zuletzt Käufer und Nutzer von Dienstleistungen. Sie liebten es, in ihrer Freizeit zu jagen und zu fischen. Famili- enangehörige höherer Offiziere bewegten sich in Zivil frei im Stadtbild, unternah- men in kleinen Gruppen Ausflüge, besuchten Schwarzmärkte. In den Familien der Besatzer wurden Kinder geboren, Nachkriegstote wurden in Deutschland be- graben. In manche deutsche Wohnung, auf manches Gehöft kamen „die Russen“ 1945/46 als rücksichtslose Eindringlinge, in einige mehr oder weniger als Gäste, gelegentlich als Helfer und Ruhestifter. „Russen“ waren in zahllose Verkehrsunfäl- le verwickelt. Im Untergrund agierten nicht wenige in kriminellen Banden.

    Die Kommandanturen wirkten als Scharniere der Besatzungsherrschaft. Es gab Kreiskommandanturen in drei verschiedenen Größenordnungen, kleinere Ab- schnittskommandanturen (učastkovye), kreisfrei geführte Stadtkommandantu- ren, in großen Städten zusätzlich Stadtbezirkskommandanturen. Zeitweise exis- tierten übergeordnete Bezirkskommandanturen, Ende 1945 bestand das Netz aus insgesamt rund 650 Kommandanturen. Ihre Anzahl unterlag Reorganisationen und einer starken Reduzierung auf 342 (1946), 247 (1947) und 178 (1948) Kom- mandanturen, bis sie schließlich 1949 fast alle aufgelöst wurden.

    Zur Vervollständigung des Kontextes muss gesagt werden, dass noch eine Viel- zahl von kleineren, teils mobilen sowjetischen Einrichtungen bestand: Funkver- bindungsstellen, interne Post- und Bankfilialen, Hotels, Werkstätten, Krankenhäu- ser, Materiallager, Eisenbahn- und Hafen-Kontrollstellen, Demontagetrupps, Fil- trierungslager. Nicht zu vergessen die interalliierten Institutionen in Berlin, wo sowjetische Vertreter ein- und ausgingen. Hinzu kamen die Standorte der politi- schen Verfolgung wie Speziallager, Smersch-, NKVD(MVD)- und NKGB(MGB)- Filialen.

    Die wohl deutlichste Spur in der deutschen Wahrnehmung hinterließen die Kreiskommandanturen. Deren erste Belegung war natürlich noch Folge des Kriegs- verlaufs und der nachfolgenden Truppendislozierung. Die Bernauer Kreiskom- mandantur hatte beispielsweise im Sommer 1945 1 073 Mann (158 Offiziere, 239 Sergeanten, 676 Soldaten), die zum Sommer 1948 zahlenmäßig auf ein Achtel schrumpften: 137 Mann (32 Offiziere, 25 Sergeanten, 80 Soldaten). Die Kreis- kommandantur in Döbeln/Sachsen bestand im Januar 1948 aus rund 85 Mitar- beitern, darunter etwa 30 Offiziere und Sergeanten.

    Noch 1945 wurden im Zuge der allgemeinen Demobilisierung in zwei Schritten 14 000 Mann aus dem SMAD- und Kommandantur-Personal in die Heimat entlassen, zuerst die stark Versehrten und die ältesten Jahrgänge, dann die Jahr- gänge 1906–1915 sowie Hoch- und Fachschulabsolventen, Lehrer und Studenten der letzten Studienjahre, auch Männer, die Verwundungen erlitten hatten, Län- gerdienende, und sämtliche Frauen der unteren Dienstgrade. Ab März 1946 wur- den die Jahrgänge 1916–1922, insgesamt rund 8000 Mann, und im März 1947 noch einmal rund 10 000 Mann des Jahrgangs 1922 nach Hause geschickt. Da der personelle Aderlass an die Substanz der Kommandanturen ging, wurde ein Teil der Entlassungskandidaten um freiwillige Dienstzeitverlängerung gebeten. Die Abgänge wurden zum Teil durch freiwillige Zivilangestellte aus den Reihen der Ostarbeiter oder der ehemaligen Kriegsgefangenen ersetzt (teilweise waren die auch noch immer als Wehrdienstleistende eingestuft). 5000 Mann wurden 1947 aus den Einheiten der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen zum Dienst in den Kommandanturen herangezogen. Anfang 1948 kamen dann die ersten 3200 Neuzugänge aus der Altersgruppe ohne Fronterfahrung nach Deutschland.

    Das kündet von einer beeindruckenden Dimension persönlicher und kollektiver Wahrnehmung des deutschen Nachkriegslebens durch Vertreter der Siegermacht. Zu den Erfahrungen gerade der Kommandantur-Besatzungen gehörte die Wahr- nehmung aller möglichen alltäglichen Konflikte zwischen Besatzern und Besetz- ten. Denn die Kommandanturen hatten sämtliche sowjetische Militärangehörige und Zivilisten der Region im Blick, die sich in die zivile Welt der besetzten Deut- schen hineinbegaben, d. h. den engen Dienstraum einer Kaserne/Militäreinheit verließen. Als polizeiliche Behörde erfassten sie außerordentliche Vorkommnisse jeder Art, nahmen Beschwerden der Deutschen entgegen, reagierten auf Ruhestö- rung, Feueralarm, politische Warnungen. Sie registrierten Versorgungsmissstände, Verkehrsunfälle, Havarien, Epidemien… ob nun Deutsche oder sowjetische Mili- tärangehörige, Zivilangestellte oder Fremdarbeiter, westalliierte Abordnungen oder Displaced Persons involviert waren. Auf diese Weise waren die Mitarbeiter der Kommandanturen besondere Beobachter und Protokolleure deutsch-sowjetischer Nachkriegsbegegnungen.

    Diese umfassten neben den dienstlichen Begegnungen natürlich auch private. Freundschafts- und Liebesverhältnisse gab es allerorts. Intime Partnerschaften wurden gelebt, Ehen geplant, private Reisen inkognito unternommen, gemeinsa- me Fluchtszenarien in den Westen entworfen und teils auch umgesetzt. Man traf sich in Parks, Kinos oder Wohnungen von Freunden. In Einzelfällen entstanden kurzzeitig regelrechte Familienbande.
     
    Private Lebenswelten

    Der idealtypische Besatzungssoldat lässt sich vorerst nicht rekonstruieren. Aus Archivakten der Besatzungsbehörde wissen wir dennoch schon einiges, zum Bei- spiel, dass ihre Soldaten und Offiziere in der Mehrzahl Kriegsteilnehmer waren. Der Nationalität nach waren die meisten Russen. Dienstränge lassen sich bestimmten Altersgruppen nicht genau zuordnen, doch Statistiken belegen, dass die unteren Ränge (Soldaten, Sergeanten) bald fast nur noch von sehr jungen Män- nern eingenommen wurden; als Folge des Krieges waren aber auch die Offiziers- posten insgesamt von recht jungen Männern ohne zivilen Beruf besetzt. Kaum Luxus gewohnt, hatten die meisten weit mehr Geld zur Verfügung als zu Hause, höhere Offizier und Generale waren hochentlohnt. Radios, Autos, Motorräder, edle Kleidung, Musikinstrumente, Jagdwaffen, Tafelservice und Schmuck, aber auch Klassikerbuchausgaben in russischer Sprache konnten recht leicht erworben werden. Selbst ein Unteroffizier hätte das Geld für teure Mitbringsel problemlos zusammensparen können. Der Sold bzw. der Lohn wurde anfangs zum größeren Teil in Mark ausgezahlt, zum kleineren Teil in Rubel (der von vielen gespart oder nach Hause überwiesen wurde); 1948 drehte die Soldstelle das Verhältnis um. Außerdem bot die deutsche Nachkriegswirtschaft die Möglichkeit für Schwarz- handel und Schieberei.

    Es ist schwierig, das Konsumverhalten der Männer zu rekonstruieren. Vieles erwarben sie entgeltlich in speziellen Warenlagern, in die Deutsche keinen Ein- blick hatten. Wir wissen von Containertransporten für Generalsfamilien, dem stehen Bilder von Demobilisierten mit kleinem Köfferchen entgegen. Überhaupt kann anhand der Akten schwerlich über Lebensziele und Werte geurteilt, geschweige denn ein Zusammenhang zu sozialen und kulturellen Dispositionen hergestellt werden. Mehr wissen wir über Freizeitinteressen, bei deren Steuerung die Besat- zungsbehörde ab etwa 1946 recht energisch vorging. Beliebt waren Sport und Kino.

    Hier wie auch in anderen Dingen verhielten sich Familien natürlich anders als junge Alleinstehende.

    Ende 1945 erhielten Offiziere und Generale die Erlaubnis, ihre Angehörigen nach Deutschland zu holen, Ehefrauen und Kinder wurden über das Militärver- sorgungssystem mit bedacht. Frauen reisten auch illegal in Deutschland ein bzw. ihren „Frontmännern“ hinterher. 1946 versuchte man in der UdSSR – insbeson- dere um Ordnung in die staatliche Fürsorge zu bekommen – gegen nicht regis- trierte Partnerschaften vorzugehen, die von nun an als illegale galten. Nur die staatlich sanktionierte Ehe wurde anerkannt und machte Frauen versorgungs- würdig. In der SBZ wurde ein Datum im Sommer 1946 gesetzt, bis zu dem gehei- ratet sein musste, oder die Partnerin und sowjetische Staatsbürgerin hatte Deutschland zu verlassen. Anfang 1947 klangen die Nachreisen der Angehörigen (bei höheren Generalen waren das oft auch erwachsene Kinder, Schwestern und Schwägerinnen, Schwiegermütter, gar Enkel, die ernährt werden mussten) aus. Es wurden dann auch für Posten auf der mittleren Ebene nur noch gezielt ledige Männer nach Deutschland geholt. Bis 1953 blieb das Nachreisen von Angehöri- gen untersagt.

    Solche Restriktionen waren vermutlich der Einsicht geschuldet, dass die Frauen und Kinder ihrer höheren Offiziere und Generale der Besatzungsbehörde zusätzli- che Bildungs- und medizinische Leistungen abverlangten, wobei sich die meisten Frauen keinesfalls mit eigenem Beschäftigungsinteresse zu engagieren gedachten. Im Gegenteil, viele von ihnen waren für bürgerliche Rollenzuschreibungen in der Familie sehr empfänglich. Zugleich wirkte die Anwesenheit der Ehefrauen nicht in jedem Fall wirklich harmonisierend. Im Gegenteil, ohne das gewohnte gesellschaft- liche Umfeld und die großfamiliären Beschwichtigungshilfen zerbrach manch eine vom Krieg belastete Partnerschaft gerade in der Fremde. Schließlich wurden für die Frauen besondere Beschäftigungs- und Bildungsprogramme erarbeitet.

    Die Masse der Besatzer-Männer war jedoch jung und unverheiratet und hatte Liebes- und Sexualerfahrungen auch erst im Krieg gemacht. Beziehungen zu deut- schen Frauen, dauerhafte und auch flüchtige bzw. bezahlte waren fast schon die Norm. Oft waren solche Kontakte an Tauschbeziehungen gebunden, denn im deutschen Alltag wurde überall „organisiert“ und „verscherbelt“. Bis Mitte 1946 wurde gegen private Beziehungen nicht konsequent vorgegangen, obgleich sie klar verboten waren. Deutsche machten sich zwar strafbar, wenn sie ungenehmigt Übernachtung boten. Doch – mit oder ohne Übernachtung – die Rotarmisten lebten die ostdeutsche „Nachkriegsgesellschaft“ aktiv mit und ersetzten zum Teil die fehlenden jungen männlichen Familienmitglieder und Sexualpartner der Deutschen. Erst mit der Konzentration der Besatzereinrichtungen und der wohn- lichen Einbindung aller SMAD- und Kommandanturmitarbeiter in abgeriegelte Wohnstädtchen ab Sommer 1947 wurden die Privatkontakte merklich einge- schränkt. Disziplinarstrafen, die dann auch bald auf den politischen Argumenten des Kalten Krieges aufbauten, begannen zu greifen. Gezielte Strafversetzung tat das übrige. Restlos unterbunden wurden private Kontakte aber nie.

    Wir wissen aus den Akten, dass der Dienstablauf in den Kommandanturen for- mell überall gleich war: gleiche Dienst-, Rang- und Tagesordnungen, gleiche mili- tärische Grundausbildung, Übungen, Politveranstaltungen, Freizeitangebote. Wie auch zu Hause war das Dienstleben natürlich von den Lokalbedingungen gefärbt, waren die konkreten Aufgaben der Besatzungseinrichtungen im sozialen und Wirtschaftsbereich von den örtlichen Profilen geprägt. Die Berichte verdeutlichen jedoch, wie stark die Dienstumstände zugleich von den sowjetischen Leiterpersön- lichkeiten abhingen. 1945/46 waren viele Stadt- und Kreiskommandanten geistig, politisch, organisatorisch und mental stark überfordert mit der Lenkung eines mittelgroßen Verwaltungsraumes im fremden Nachkriegschaos. Sie konnten ihr Amt nur einigermaßen erfolgreich ausfüllen, wenn sie im Führen ihrer kleinen Truppe halbwegs erfahren und wenn sie selbst als Autorität anerkannt waren. Des Weiteren scheint es ein Nord-Süd-Gefälle in der Konfliktanreicherung gegeben zu haben, das wesentlich (aber nicht ausschließlich) aus den Geschehnissen bei Kriegs- ende folgte. Während Sachsen und Thüringen vergleichsweise konfliktarme Re- gionen bildeten, waren Berlin, Brandenburg und Mecklenburg/Vorpommern von anhaltenden Spannungen im Besatzeralltag geprägt. Hier hatten die alltäglichen Reibereien zwischen Besatzern und Besetzten größere Dimensionen, und hier hielt sich auch unter den Deutschen ein deutlich schwärzeres Russenbild als im Süden der späteren DDR. Gerade in den Gebieten mit vielen Zerstörungen und Zivilopfern richteten sich im Sommer 1945 auch noch Truppen ein, die (1.) noch mehrmals umgesetzt wurden, (2.) die Region wegen der geografischen Gegeben- heiten häufig für Manöver und Übungen nutzten, und wo (3.) die Soldaten durch die Abgeschiedenheit der Stationierungsorte zu illegalen Raubzügen regelrecht er- muntert wurden. Hinzu kommt, dass die nördlichen ländlichen Regionen 1945/46 zuerst als Getreide- und Viehrequirierungsregionen und dann auch als Schwer- punktgebiete der Bodenreform genau jene Gebiete waren, wo elementare deut- sche Interessen und sowjetische Interessen hart aufeinander stießen. Hier artikulierten sich antisowjetische Stimmungen deshalb deutlicher. Berlin bündelte mit seinem besonderen Status am Beginn der Systemkonfrontation die Konflikte na- türlich in besonderem Maße. Die Erfahrungen eines Besatzungssoldaten hingen also in mehrfacher Hinsicht auch vom Einsatzort ab.

    Die Fragen nach Mentalität, Selbstwertgefühl, Siegerbewusstsein sind natürlich am schwierigsten aus den Akten heraus zu synthetisieren. Aus Behördendokumen- ten schlagen uns ja vor allem negativ auffällige Verhaltensweisen entgegen, wobei eine befriedigende Gesamtstatistik, etwa über Disziplinverstöße, bislang nicht zu erstellen ist. Interna sprechen von rund 17% aller Militärdienstleistenden in Deutschland, die 1947 negativ auffielen, doch das Repertoire reichte von Verstö- ßen gegen die Kleiderordnung über die heimliche Benutzung des PKW des Chefs und Besuche in deutschen Restaurants bis hin zu unerlaubtem Fehlen und Ran- dale. Und wie viel blieb da unentdeckt und unbeschrieben? Das Ausmaß der De- sertionen ist aus den zugänglichen Akten bislang nicht herauszulesen.
     
    Erzählverhalten
     
    Anhand von Archivquellen lassen sich also wichtige Aussagen zum Besatzeralltag treffen, subjektive Erfahrungen reflektieren sie aber kaum. Hier stellt sich natürlich die Frage nach den Möglichkeiten von Zeitzeugeninterviews. In Russland noch weitgehend ohne Lobby, leuchten „Besatzerberichte von unten“ dort nur hin und wieder auf, etwa in Zeugnissen vormaliger sowjetischer Kriegsgefangener. Ein nicht unerheblicher Teil von ihnen setzte nämlich nach dem Mai 1945 seinen re- gulären Wehrdienst in der SBZ fort. So erinnerte sich ein Kriegsveteran an die Zeit nach der Befreiung aus deutscher Gefangenschaft:

    Ich marschierte durch Berlin, über den Alexanderplatz. Ich habe die von den amerikanischen Barbaren in Schutt und Asche gelegte Stadt gesehen. Wir wohnten bei einer alten Frau, deren Sohn in Norwegen gefallen war. Sie schenkte uns sein Fernglas, wir gaben ihr Lebensmittel. Die Berliner hungerten, wenn die Streitkräfte auch halfen, wie sie konnten. Unsere Einheit war in Eberswalde stationiert, später in Bredereiche [Fürstenberg/Havel] und anderswo. Ich kann mich an eine Edith Jürgens aus Eberswalde erinnern, an Anna Hornung aus Bredereiche und an viele andere Deutsche, die uns gegenüber freundlich gesinnt waren. Als ich [nach einer Verwundung kurz vor Kriegsende] in die Einheit zurückkehrte, schenkten mir meine Freunde ein Akkordeon. In unserer Freizeit trafen wir uns mit den deutschen jungen Leuten zum Feiern im Café. Ich spielte unsere Lieder und Tänze. Besonders begeistert waren alle von den Strauss-Walzern und Tiroler Walzern.11

    Diese auf deutsche Anfrage schriftlich formulierte und ohne speziellen Auftrag zeitlich über die Kriegsgefangenschaft hinausgreifende Erinnerung demonstriert das alltagsgeschichtliche Potenzial überkommener Bilder und richtet unser Augen- merk zugleich auf die Prägekraft emotionaler Erfahrungen. Derlei gilt es zu er- gründen, wobei Elite-Memoiren als Stichwortgeber und Vergleichsfolie genutzt werden können. Mit viel Alltagsbezug erschienen in postsowjetischer Zeit auch Erinnerungen von Besatzern in unteren Diensträngen12, die freilich meist spätere Intellektuelle waren.13 Wie weit die Besatzer, insbesondere untere Offiziersdienst- grade, in den deutschen Alltag einstiegen, zeigte auch das bislang einzig authenti- sche Besatzer-Tagebuch des Wladimir Gelfand.14 Solche schriftlichen Ego-Dokumente liefern genug Anhaltspunkte, sie müssten nur genutzt werden.

    Barbara Stelzl-Marx stützt sich in ihrer fulminanten Analyse der „Innensicht der sowjetischen Besatzung“ Österreichs auf sehr viele Interviews. Sie entstanden 2002 bis 2008 vor allem in Moskau. Stelz-Marx nutzt sie, um der Frage nach subjektiver Gewichtung und Verdrängung, Verklärung und Mythologisierung der Erinnerung nachzugehen.15 Im Ergebnis werden Befunde vorgelegt, die die Unternehmung
    „Interview“ ein wenig in Zweifel ziehen, denn die Beobachtungen reduzieren sich auf Folgendes: 1. Die Zeitzeugen reflektieren ihre Zeit im besetzten Österreich meist als bedeutsamen Lebensabschnitt mit aufregenden Begegnungen und Er- kundungen im Ausland. 2. Sie bedienen sich häufig gängiger Klischees zur Benen- nung ihres Haupteindrucks von den Menschen dort, nämlich Stereotype zur Cha- rakterisierung deutscher Nationaleigenschaften: Sauberkeit, Ordnung, Disziplin, Wohlerzogenheit, Fleiß. 3. Sehr häufig wird erinnert, welche modernen Waren dort zum ersten Mal gesehen und genutzt wurden. 4. Während relativ gelassen berichtet wird, dass und wie viele Besatzer geplündert haben (wobei sich die Zeitzeugen selbst in der Regel ausnehmen), wofür persönliche Opfer oder die allgemeine Ver- rohung im Krieg als Ursache genannt werden, werden Vergewaltigungen nicht er- innert bzw. wird sogar vehement ausgeschlossen, dass es sie gegeben hat. Stelzl- Marx spricht dabei von Tabuisierung. 5. Vergleichsweise offen gehen auf Übergrif- fe nur solche Zeitzeugen ein, die nicht Mitglieder von Veteranenkomitees sind.

    Einzig der letzte Befund zeigt den Ansatz einer quellengemäß narratologisch- historiografischen Auswertung, weil er Geschehnis, Gedächtnis, Lebenserfahrung und Jetztbefindlichkeit in Beziehung zueinander setzt. Das übrige ist Wiederho- lung von bereits Ermitteltem, Illustration (zur Beweisführung ist Oral History bekanntlich ungeeignet) einer Vorabmeinung, weil nicht als Entdeckungsreise in subjektive Orientierung angelegt. Es steht zu befürchten, dass wenig getan wurde, um wirklich lockere, ausgiebige Narration anzuregen, und dass nur wieder die Topoi der westlichen Rückschau ins Gespräch gebracht wurden: Plünderung und Vergewaltigung. Ihre Kulturschock-These sieht die Autorin schließlich darin be- stätigt, dass Zeitzeugen bekannten, seinerzeit als Sowjetbürger begriffen zu haben: Die Kapitalisten sind ja schon viel weiter als wir!

    Lassen wir die Frage beiseite, ob das beeindruckende Erlebnis einer reichen, gut organisierten Gesellschaft mit beachtlichem Durchschnittswohlstand immer (und wenn nicht, ob dann für Erlebnisse in Deutschland und Österreich im Jahr 1945) den Terminus „Kulturschock“ rechtfertigt, dann bleibt doch festzustellen, dass die- ser Eindruck in einen Komplex von Fragen zu individueller und kollektiver Sinn- gebung damals, zwischenzeitlich und heute gestellt werden müsste. Insgesamt dür- fen Analysen von Erzählverhalten nicht bei der Diagnose „Ideologisierung“ und
    „Tabuisierungen“ stehen bleiben.

    Interviews mit Kriegsteilnehmern, die im besetzten Deutschland weiter gedient hatten16, geben zuallererst zu erkennen, dass das Erzählen über den Krieg leichter fällt als das Erzählen über die Besatzungszeit. Es fehlt den Zeitzeugen nicht etwa an Worten oder Bildern, sondern einfach an Übung und an Instinkt dafür, was denn aus dieser Zeit zu erzählen interessant und wichtig wäre. Das bestätigt ein übriges Mal die Einschätzung, wonach Gedächtnis nicht so sehr von der Tiefe des Eindrucks als vielmehr von seiner wiederholten (auch wandelbaren) Sinnzuschrei- bung beim Kommunizieren geformt wird. Es wird weder ohne Anlass noch zweck- frei erinnert und erzählt. Menschen tun das in dem Maße und in solchen Bildern, wie es zu gebrauchen ist, schreibt der Soziologe Harald Welzer.17 Die Zeitzeugen- aussagen künden also zunächst von einem lange Zeit auch privat kaum kommu- nizierten Gedächtnis. Dessen Dürftigkeit ist keinesfalls allein auf politischen Druck zurückzuführen, sondern vor allem darauf, dass diese Erinnerung lange Jahrzehn- te nicht gebraucht worden war.

    Wenn wir hier also von einer vergleichsweise beschränkten „narrativen Kompe- tenz“ sprechen müssen (die während eines Interviews von Intellektuellen durch rasche geistige Orientierung unter Umständen wettgemacht werden kann), was sagt das über die Möglichkeiten aus, anhand solcher Interviews „die Erlebens- und Handelnshorizonte vergangener Gesellschaftssysteme zu rekonstruieren“ (Albrecht Lehmann)18? Es erlegt uns sehr sorgsame, kritische Interpretation auf, wobei ge- gebenenfalls die besondere Schwierigkeit bikultureller Dialoge bedacht sein will.

    Der politisch sensible Zeitzeuge erfährt in Russland heute, dass eine öffentliche Wortmeldung zu Besatzungserlebnissen fasst immer zur Problematik der Gewaltverbrechen gegen deutsche Zivilisten führt. Die aufgeschlossene Evgenija Kaceva, nach dem Krieg SMAD-Dolmetscherin und später in ihrer Heimat Lektorin und anerkannte Böll-Herausgeberin, verzweifelte 2005 in Deutschland regelrecht an den immer wiederkehrenden Fragen nach den Vergewaltigungen und stellte un- gläubig fest, dass die Deutschen wohl nur das noch interessiere.19 Aber auch das russischsprachige Internet-Publikum hat die Tagebuchaufzeichnungen des Besat- zungsoffiziers Gelfand fast nur unter dem Gesichtspunkt diskutiert, was über Ge- walt gegen deutsche Frauen glaubhaft oder nicht glaubhaft berichtet wird. Das ist Ergebnis einer langen Tabuisierung, aber zugleich einer neuen, wiederum einseitig lenkenden Mediengewalt. Wissenschaftler sollten diese Beschränktheit des öffent- lichen Gedächtnisses durchkreuzen, etwa mit Fragen nach Arbeitskontakten und Berufserfahrung. Die Kulturschock-These ist unbedingt dahin gehend zu hinter- fragen, welches Verhalten der Deutschen oder Österreicher damals abstieß bzw. dauerhaft inakzeptabel oder fragwürdig blieb, was man in der Fremde zwar mit Neugier beobachtete, aber nie zu Hause praktizieren würde und dergleichen mehr. Fach- und Hochschulabsolventen bezeichnen ja ihre Jahre in Deutschland oft als die interessantesten in ihrem Leben, da liegt es nahe, konkret zu ergründen, was sie an Brauchbarem mit nach Hause nahmen, angefangen von wissenschaft- lichem, fachlich-handwerklichem und hauswirtschaftlichem Wissen bis hin zu Le- bensstil und Lebensweisheit. Ein Zeitzeuge berichtete auf Nachfrage, nach seiner Rückkehr vor dem heimatlichen Haus ein Vorgärtchen „wie in Deutschland“ ange- legt zu haben…

    _______
     
     

     

    1   Die These fand in verschiedenen Einfärbungen Verbreitung in der jüngeren russischen Ge- schichtsschreibung. Eine extreme Position vertraten Gennadij Bordjugov und Aleksandr Afa- nas’ev 1990. Siehe dies.: Ukradennaja pobeda. In: Komsomol’skaja Pravda vom 5. Mai 1990, S. 1–2. Dagegen vgl. E[lke] Šerstjanoj: „Neodekabristy“? K probleme reformatorskogo poten- ciala v sovetskom poslevoennom obščestve: M.V. Kirčanov (red.): Germanija: istorija i sovre- mennost’. Sb. st. pamjati prof. V.A. Artemova. Č. 1. Voronež 2006, S. 166–176.

    2   In diesem Zusammenhang wird oft recht leichtfertig der Befund des „Kulturschocks“ kolpor- tiert. Auch Barbara Stelzl-Marx: Stalins Soldaten in Österreich: Die Innensicht der sowjeti- schen Besatzung 1945–1955. Wien/München 2012, greift ihn unter Hinweis auf Norman Nai- mark auf (S. 313), um ihn dann anhand von Zeitzeugenaussagen als „tief gehenden ‚Kultur- schock‘“ zu bekräftigen (S. 720).

    3   Erschreckend sind beispielsweise die Sprache und die Argumentierkunst einer 1969 geborenen Historikerin/Soziologin/Philosophin/Medizinerin, die 2008 an der Freien Universität Berlin promovierte und heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem MdB-Büro tätig ist, Berit Olschewski: „Freunde“ im Feindesland. Rote Armee und deutsche Nachkriegsge- sellschaft im ehemaligen Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz 1945–1953. Berlin 2009. Ihren Untersuchungsraum kennzeichnet sie so: „Bis in den Dezember 1945 wüteten die So- wjetrussen dort besonders schwer. […] Zeigen wird sich [in ihrer Darstellung zeigt es sich nicht], je mehr Kommunisten und Komsomolzen im Sinne Stalins [was mag das wohl hei- ßen?] in einer Truppe waren, desto mehr Verbrechen an der deutschen Bevölkerung wurden begangen.“ (S. 54)

    4  Silke Satjukow: Besatzer. „Die Russen“ in Deutschland 1945–1994. Göttingen 2008; dies.: Be- freiung? Die Ostdeutschen und 1945. Leipzig 2009.

    5  Dies gilt übrigens auch für Erinnerungen an die Zeit der Besetzung Österreichs 1945–1955. Siehe Stelzl-Marx, Stalins Soldaten, S. 739–742.

    6  Siehe Alexander Dymschiz: Ein unvergeßlicher Frühling. Literarische Porträts und Erinne- rungen. Berlin 1970; Vladimir S. Gall: Mein Weg nach Halle. Berlin 1988; erweiterte Aufl. unter dem Titel: Moskau – Spandau – Halle. Etappen eines Lebensweges. Berlin 2000; Sergej
    I. Tjulpanow: Erinnerungen an deutsche Freunde und Genossen. Berlin 1984; ders.: Deutsch- land nach dem Kriege (1945–1949). Erinnerungen eines Offiziers der Sowjetarmee. Mit einem Nachw. von Stefan Doernberg. Berlin 1986; ders., Elfriede Rehbein, Gerhard Rehbein: Grund- lagen der Arbeit der SMAD und ihre Entwicklung. Sonderdruck. o.O. –Dresden 1975; Achim Roscher: Zeit des Neubeginns. Gespräch mit Sergej Tulpanow. In: Neue deutsche Literatur. 27 (1979). H. 9, S. 41–62; G.K. Shukow: Erinnerungen und Gedanken. Berlin 1969.

    7  Es sei nur erwähnt, dass im Westen publizierte Überläuferberichte so zweifelhaft motiviert waren, dass sie auch heute als Quellen für alltagsgeschichtliche Erörterungen kaum Verwen- dung finden. Siehe Gregory Klimow: Berliner Kreml. Köln/Berlin 1951.

    8  Wladimir S. Semjonow: Von Stalin bis Gorbatschow. Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer Mission 1939–1991. Berlin 1995; Vadim Čubinskij: Moja „okkupacija“ Germanii. Russkij ofi- cer v Berline i okrest. 1946–1950. Sankt-Peterburg 2005.

    9  Die Akten der SMAD sind im Staatlichen Archiv der Russischen Föderation (GARF) gelagert und zu großen Teilen zugänglich. Die Alltagsperspektive wird in Stimmungsberichten reflek- tiert. Außerdem finden sich Unterlagen zu Disziplinverstößen, außerordentlichen Vorkomm- nissen, Gesundheitszustand, Entlohnung und Versorgungsleistungen, Dienstvorschriften und Ausbildungsprogramme sowie Beschwerden aus der deutschen Bevölkerung.

    10  Zur Strukturgeschichte Horst Möller (Hrsg.): SMAD-Handbuch. Die sowjetische Militäradmi- nistration in Deutschland 1945–1949. Bearb. v. Jan Foitzik. München 2009.

    11  Aus einem Brief an „Kontakte-Kontakty“ vom Januar 2011, Verfasser: Aleksandr P. Kusmin, aus Kirovograd. Url: www.kontakte-kontakty.de

    12  Siehe beispielsweise Evgenij Plimak: Na vojne i posle vojny. Zapiski veterana. Moskva 2005.

    13  Sie legten den Fokus meist auf das erste Jahr der Besatzung. Oleg Budnitskij hat sich alter und neuer Memoiren angenommen, dabei aber auch wieder nur die geschichtskonjunkturellen Schwerpunkte bedient: „jüdische Befindlichkeiten unter den Besatzern“ und „Gewalt gegen deutsche Zivilisten“. Siehe Oleg Budnitskii, Susan Rupp: The Intelligentsia Meets the Enemy. Educated Soviet Offiziers in Defeated Germany, 1945. In: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History. Vol. 10, Nr. 3 (Summer 2009), S. 629–682.

    14  Siehe Wladimir Gelfand: Deutschland-Tagebuch 1945–1946. Aufzeichnungen eines Rotarmisten. Ausgewählt und kommentiert von Elke Scherstjanoi. Berlin 2005. Erschien auch als Taschenbuch 2008.

    15  Stelzl-Marx, Stalins Soldaten in Österreich, S. 703–738. Im Quellenverzeichnis aufgeführt sind 64 Oral-History-Interviews, 18 davon wurden von Stelzl-Marx selbst, die anderen von einer Gruppe russischer Interviewer durchgeführt. Die Umstände und Verläufe der Begegnungen sind nicht vorgestellt. En passant erfahren wir im Text, dass es Interviews „vor laufender Ka- mera“ gab. (S. 738)

    16  Meine Betrachtungen gehen auf rund zwanzig solcher Gespräche und Interviews zurück. Sie wurden parallel und ergänzend zu einer historischen Untersuchung des Besatzeralltags in der SBZ geführt. Repräsentative Gültigkeit können diese Selbstzeugnisse natürlich auch nicht be- anspruchen.

    17  Harald Welzer: Wozu erinnern wir uns? Einige Fragen an die Geschichtswissenschaften. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 16 (2005), H. 1, S. 10–35, hier S. 15.

    18  Albrecht Lehmann: Erzählstruktur und Lebenslauf. Autobiographische Untersuchungen. Frank- furt/New York 1983, S. 93.

    19   Wir begegneten uns auf einer Veranstaltung der Evangelischen Bildungsstätte Schwanenwer- der bei Berlin im Februar 2005, wo sie mir wegen ihrer Enttäuschung ein Interview aus- schlug. Im Sommer 2005 verstarb Frau Kaceva. Das SFB hatte 1994 mündliche Schilderungen von ihr aufgenommen. Ulrike Lückermann, Magdalena Kemper: „Wir lebten wie Verwandte“. Nach Kriegsende waren sowjetische Offiziere bei Deutschen einquartiert. [Radiosendung Kulturtermin, 7. Juni 2006, RBB]. (Das Skript wurde mir freundlicherweise überlassen). Vgl. auch Jewgenija Kazewa: Meine persönliche Kriegsbeute. Geschichte eines Lebens. Berlin 2010.

    © Walter de Gruyter, Berlin/Boston
    © De Gruyter Oldenbourg