


Deutschland Archiv Nr. 38 (2005), 4 / Seite 715-716 / 1. August 2005Bundeszentrale für politische Bildung |
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| Redaktion Deutschland Archiv Dr. Marc-Dietrich Ohse Misburger Str. 81D 30625 Hannover E-Mail: deutschlandarchiv@wbv.de |
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| Titel | Deutschland Archiv 38 (2005), 4 | |
| Zeitschriftentitel | Deutschland Archiv: Zeitschrift für das vereinigte Deutschland | |
| Herausgeber |
W.
Bertelsmann Verlag im Auftrag der Bundeszentrale für
politische Bildung, Bonn |
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| Weitere Titelangaben | Wirtschaft und Soziales – Geschichte und Gegenwart | |
| Heft(e) | 4 | |
| Erschienen | W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2005 | |
| Umfang | 192 | |
| Preis | 8,00; Jahresabonnement: 49,– € (für Studenten 33,– €) ; Einzelheft 14,90 €; alle Preise zzgl. Versandkosten | |
| Herausgeber d. Zeitschrift | Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Dr. Hans-Georg Golz (verantwortlich) | |
| Erscheinungsweise | 4 x im Jahr | |
| ISBN | ||
| Kontakt | ]init[ Redaktion Köpenicker Straße 9, 10997 Berlin | |
| URL |
Silke
Satjukow, Jena
Wladimir Gelfand:
Deutschland-Tagebuch 1945 – 1946.
Aufzeichnungen eines Rotarmisten. Ausgewählt
und
kommentiert von Elke Scherstjanoi, Berlin: Aufbau 2005,
350 S. + 23 S.
Abb., € 22,90.
»Man
hat das ganze Ausmaß meiner
Selbstaufopferung nicht gewürdigt, hat mich ungerecht
behandelt und mich in
den Tagen des Sieges einfach übergangen. Ich habe den Krieg
mit den Augen eines
Soldaten erlebt. Einen weiteren Krieg muß ich mit anderen
Augen sehen, da ich
es nicht wagen kann, mein Leben aufs Spiel zu setzen
– in meinem Kopf hat sich
viel geschichtlicher Reichtum angesammelt, der darf nicht dem Risiko
ausgesetzt
werden, der Nachwelt für immer verloren zu gehen«
(98).
Das
Tagebuch des Rotarmisten
Wladimir Gelfand birgt nicht nur private Erinnerungen, sondern ebenso
Zeitzeugnisse
vom Kriegsende und den ersten Friedensmonaten. Wer ist dieser
junge Leutnant,
der uns dem Klappentext zufolge erstmals »tiefe Einblicke in
die Gedanken und
Gefühle eines Siegers aus Stalins Armee nach dem
Zusammenbruch Deutschlands«
gewährt? Die Antwort auf diese Frage könnte ohne
Bedeutung sein, verstünde man
die vorliegenden Aufzeichnungen als für den
persönlichen Gebrauch bestimmte
Momentaufnahmen. Doch entspricht dies weder der Intention des
Tagebuchautors
noch derjenigen seiner Herausgeberin. Vielmehr wollen beide
»den
geschichtlichen Reichtum« dieser Notizen
nachfolgenden Generationen
überliefern, sie beanspruchen historische Wahrhaftigkeit
für das Erlebte und
Aufgeschriebene. Und so muss es erlaubt sein, zu fragen, wie
es um den Zeitzeugen
Gelfand bestellt ist, wie er seinem Umfeld begegnet, wie er
Geschehnisse bewertet
und inwieweit seine persönlichen Eindrücke etwas
darüber aussagen, wie »Russen«
und »Deutsche« im ersten Nachkriegsjahr miteinander
umgingen.
Beim
Lesen der aufgeschriebenen
Gedanken schleicht sich bald ein Gefühl des Unbehagens ein.
Man erwartet,
handelt es sich doch um ein Tagebuch, tiefe, sogar intime Einblicke in
das
Leben des Protagonisten und bekommt stattdessen eitle Selbst-
und missgünstige
Fremdbeschreibungen: »Wie grausam und ungerecht die Leute
doch sind, und wie
sehr es ihnen gefällt, ihrem Nächsten das Leben zu
vergällen. Das Schicksal ist
ganz ähnlich: Es scherzt und lacht ebenfalls gern, es ist
böse und richtet
seine Gewalt gegen die Persönlichkeit besonders solcher
Geschöpfe wie mich«
(125).
Gelfand
fühlt sich vom Leben und
von den Menschen getäuscht; in seiner Kindheit von
den Nächsten tief
verletzt, gibt es scheinbar niemanden, dem er bedingungslos vertraut.
Seine
Wahrnehmungen und Urteile werden vom Unmut eines vermeintlich vom
Schicksal
Betrogenen begleitet. Wenn er
»Disziplinverstöße in den eigenen
Reihen«
anprangert, »Racheakte, Beutenahmen und
Verbrechen« an Zivilisten verurteilt,
dann hauptsächlich deshalb, um selbst als lobenswerte Ausnahme
zu erscheinen.
Zwar ist es unbestreitbar und wiederholt beschrieben worden,
dass es solche
Übergriffe massenhaft gegeben hat, doch erfahren wir von
Gelfand nicht wirklich
Neues über Täter und Opfer des Geschehens. Seine
Beschreibungen verweilen
stets an der Oberfläche, über die eigentlichen
Details schweigt er sich aus.
Obwohl am Anfang des Buches ausgeführt
wird,
dass es sich bei den vorliegenden Tagebucheintragungen um rein
persönliche
Wahrnehmungen handele, einzig für den Verfasser bestimmt, kann
man sich bei der
Lektüre des Eindruckes nicht erwehren, dass es eben nicht
immer intime und
echte Bekenntnisse sind, die man liest, sondern die wiederholten
Bittgesuche
eines Außenseiters um öffentliche Anerkennung. Dabei
macht es dieser
Autobiograph dem Leser nicht leicht, er verachtet alles und alle um
sich herum:
seine Kameraden, seine Vorgesetzten, seine Mutter und
selbstverständlich auch
»die Deutschen«.
Anders
als in den
kommentierenden Ausführungen von Elke Scherstjanoi
nachzulesen, geht er keinesfalls
respektvoll mit deutschen Frauen um, sondern benutzt sie vielmehr zur
Aufwertung seiner Männlichkeit. Immer wieder liest
man, wie ihm deutsche
Frauen Körper und Geist schamlos feilböten:
»Es war immer wieder viel
versprechend, mit einem deutschen Mädchen auf ein paar Worte
stehen zu bleiben
– sie erstrahlten wie ein Stern und erloschen dann durch
meine Ernsthaftigkeit,
waren ganz mein und vom ersten Gespräch an zu allem
bereit.« (280). Zeigten sie
sich jedoch nicht willig, Gelfand so anzuerkennen, wie er
selbst sich sah, war
er nur zu schnell bereit, sie als »verdorbene und
liederliche Kreaturen« zu
diffamieren.
Überhaupt lässt die Historikerin
Elke
Scherstjanoi im Nachwort ihre gewohnte professionelle Distanz
vermissen. In der
kürzlich von ihr herausgegebenen Briefedition
»Rotarmisten schreiben aus
Deutschland« (München 2004) analysierte sie
ihren Gegenstand mit profunder,
unaufgeregter Sachkenntnis, was den Band zu einer wirklichen
wissenschaftlichen
Bereicherung macht. In Bezug auf Gelfands Tagebucheintragungen
verhält sie sich
überraschend anders: Sie führt den Leser in das Leben
des jüdischen
Rotarmisten ein und nutzt dazu hauptsächlich dessen
Selbstbeschreibungen. Zwar
erfährt man nicht unmittelbar, dass es sich bei den zugrunde
liegenden Quellen
um Zeugnisse Gelfands handelt, doch lassen die Ausführungen
sowohl in Bezug auf
ihren Inhalt als auch auf ihre Sprache kaum einen anderen Schluss zu.
Mehrfach
ergreift sie für Gelfand Partei, rechtfertigt sein Verhalten
und klagt dessen
Vorgesetzte als alleinige Schuldige an, ohne notwendige
kritische Fragen zu
stellen.
»Jetzt
ist es an der Zeit,
ausgezeichnet zu werden. Ich habe genug gekämpft, das kann man
wohl sagen«
(115). Die nicht ohne Spannung zu lesenden
Tagebuchaufzeichnungen sollen vor
allem vom verkannten Ruhm Wladimir Gelfands künden. Sie werfen
dabei weniger
»ein Licht auf die deutsche
Zusammenbruchsgesellschaft« als auf den Verfasser
selbst.
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Владимир
Гельфанд:
дневник Германии 1945 - 1946.
Записи красноармейца. Выбранный и
комментируемый
от Эльке Шерстяной, Берлин:
Ауфбау 2005, 350 S. + 23 S. Abb.
Silke
Satjukow, Jena
Владимир Гельфанд записал в своем дневнике: «Никто не оценил всю степень моего самопожертвования, все относились ко мне несправедливо и просто игнорировали в дни победы. Я пережил войну глазами солдата. Я должен увидеть другую войну другими глазами, так как не могу позволить себе рисковать своей жизнью – в моей голове накопилось много исторического богатства, которое нельзя подвергать риску навсегда быть потерянным для потомства» (стр. 98).
Дневник Гельфанда – это не только его личные воспоминания, но и свидетельство эпохи, фиксация мыслей и чувств человека, пережившего окончание войны и первые месяцы мира. Насколько правомерно считать его записи подлинным отражением того, что думали и чувствовали советские солдаты, вошедшие в поверженную Германию? С одной стороны, это частный дневник, личные размышления, которые, возможно, не предназначались для публикации. С другой стороны, и сам автор, и его издатели заявляют о желании передать это «историческое богатство» будущим поколениям, наделяя его правдивостью и значимостью.
Однако при чтении дневника у читателя возникает чувство дискомфорта. Ожидается откровенность и глубина – но вместо этого мы видим тщеславные и поверхностные суждения. Гельфанд описывает окружающих людей с презрением, чувствуя себя несправедливо обойденным: «Насколько жестоки и несправедливы люди, как они любят разрушать жизнь своего соседа. Судьба очень похожа: она также любит шутить и смеяться, она злая и направляет свое насилие против таких существ, как я» (стр. 125).
Он чувствует себя обманутым жизнью, несправедливо обойденным в наградах, непризнанным своим командованием и окружением. Его записи пронизаны жалобами – на товарищей, на начальников, на мать, на немцев. Если он осуждает «дисциплинарные нарушения в своих рядах», «акты мести, грабежи и преступления», то делает это главным образом потому, что хочет подчеркнуть свою исключительность. Несмотря на признание этих массовых явлений, он не дает нам ничего нового о мотивах и обстоятельствах этих действий, избегая детального анализа.
Хотя в предисловии подчеркивается личный характер записей, в тексте постоянно ощущается, что дневник Гельфанда не столько личное признание, сколько публичное заявление, призыв к признанию его заслуг. Однако при этом он не стремится понравиться читателю – напротив, его записки пронизаны обидой и презрением к окружающим.
Вопреки комментариям историка Эльке Шерстяной, трудно назвать его отношение к немецким женщинам уважительным. Скорее, он использует их, чтобы подчеркнуть свою мужскую состоятельность. Он описывает, как немецкие женщины легко поддаются его обаянию: «Всегда было многообещающим поддержать пару слов с немецкими девушками – они сияли, как звезды, а затем угасали из-за моей серьезности, были полностью моими и готовы ко всему с первого разговора» (стр. 280). Однако если женщина не соответствовала его ожиданиям, он тут же отзывался о ней как о «испорченном и развратном существе».
В отличие от своей работы над письмами красноармейцев («Письма красноармейцев из Германии», Мюнхен, 2004), где она выступала с критическим анализом, в случае дневника Гельфанда Эльке Шерстяной ведет себя иначе. Она в основном цитирует самого автора, представляя его как жертву несправедливости, не задавая необходимых критических вопросов.
«Сейчас самое время почитать. Я боролся достаточно, вы можете сказать» (стр. 115), – пишет Гельфанд. Однако его записи не столько раскрывают облик советского офицера в поверженной Германии, сколько сосредотачиваются на его личных разочарованиях и амбициях. Они говорят больше о нем самом, чем о реальном положении вещей. Вместо обещанного «света на общество разрушенной Германии» дневник раскрывает, прежде всего, личность его автора – человека, жаждущего признания, но при этом неспособного к объективному осмыслению событий, участником которых он стал.
Self-Portraits of an Outsider
Vladimir Gelfand: Germany Diary 1945–1946. Notes of a Red Army Soldier.
Selected and annotated by Elke Scherstjanoi. Berlin: Aufbau, 2005, 350 pp. + 23 pp. illustrations.
Silke Satjukow, Jena
Vladimir Gelfand wrote in his diary: “No one appreciated the full extent of my self-sacrifice; everyone treated me unfairly and simply ignored me in the days of victory. I experienced the war through the eyes of a soldier. I must see another war through other eyes, because I cannot allow myself to risk my life — my head contains a great deal of historical wealth that must not be exposed to the risk of being lost to posterity forever.” (p. 98)
Gelfand’s diary is not only a record of personal memories but also a document of its time, preserving the thoughts and feelings of a man who lived through the end of the war and the first months of peace. To what extent may these notes be regarded as an authentic reflection of what Soviet soldiers entering defeated Germany thought and felt? On the one hand, this is a private diary, a set of personal reflections that may not originally have been intended for publication. On the other, both the author and his publishers speak of a wish to pass this “historical wealth” on to future generations, thereby investing it with a claim to truth and significance.
Yet the diary often leaves the reader uncomfortable. One expects candour and depth, but instead repeatedly encounters vanity and superficial judgments. Gelfand describes people around him with contempt and sees himself as a victim of injustice: “How cruel and unjust people are, how much they like to ruin the life of their neighbour. Fate is very similar: it too likes to joke and laugh; it is malicious and directs its violence against creatures such as me.” (p. 125)
He feels cheated by life, unfairly passed over for decorations, and unrecognised by his commanders and those around him. His entries are full of complaints — about comrades, superiors, his mother and the Germans. When he condemns “disciplinary violations in our own ranks,” “acts of revenge, looting and crimes,” he does so chiefly, in the reviewer’s reading, to underline his own exceptional position. Although he acknowledges that such phenomena were widespread, he offers little new insight into their motives or circumstances and avoids detailed analysis.
Although the introduction stresses the personal nature of the notes, the text repeatedly gives the impression that Gelfand’s diary is less a private confession than a public statement, an appeal for recognition of his merits. At the same time, he makes little effort to win the reader’s sympathy; on the contrary, the notes are permeated by resentment and contempt for those around him.
Contrary to historian Elke Scherstjanoi’s commentary, the reviewer finds it difficult to describe Gelfand’s attitude toward German women as respectful. Rather, he uses them to affirm his masculinity. He writes that German women easily succumb to his charm: “It was always promising to exchange a few words with German girls — they shone like stars and then faded under my seriousness; from the first conversation they were entirely mine and ready for anything.” (p. 280) If a woman failed to meet his expectations, however, he could immediately dismiss her as a “spoiled and depraved creature.”
In contrast to her work on Letters of Red Army Soldiers from Germany (Munich, 2004), where she adopted a critical analytical approach, Elke Scherstjanoi proceeds differently with Gelfand’s diary. She largely quotes the author himself and presents him as a victim of injustice without, in the reviewer’s view, asking the necessary critical questions.
“Now is the time to read. I have fought enough, you might say,” Gelfand writes (p. 115). Yet his notes reveal less about the Soviet officer in defeated Germany than about his own disappointments and ambitions. They tell us more about him than about the actual state of affairs. Instead of the promised “light on the society of Germany’s collapse,” the diary above all illuminates its author — a man hungry for recognition and, in the reviewer’s judgment, unable to assess objectively the events in which he took part.